Politik

Frauenförderung

„Suffragette des Zahnärztesystems“

Dr. Ute Maier, Vorstandsvorsitzende der KZV BW und Leiterin der Arbeitsgruppe "Frauenförderung" der KZBV, im dzw-Interview.
Martin Stollberg

Dr. Ute Maier, Vorstandsvorsitzende der KZV BW und Leiterin der Arbeitsgruppe "Frauenförderung" der KZBV, im dzw-Interview.

Die Zahnmedizin wird weiblich, heißt es immer wieder, und die Nachwuchszahlen sprechen hier eine eindeutige Sprache. Ganz anders sieht es in den meisten Gremien der Selbstverwaltung aus. Hier dominieren die Männer, aber keine jungen Männer. Das wird mittlerweile selbst in der Bundespolitik kritisch gesehen und offen über eine Frauenquote in den Führungspositionen des Gesundheitswesens diskutiert. Die KZBV hat nun im Vorfeld der Vertreterversammlung eine Arbeitsgruppe „Frauenförderung“ gegründet, die nur mit Frauen besetzt ist. Dr. Ute Maier, Vorstandsvorsitzende der KZV BW, leitet die AG. Mit ihr sprach Dr. Helge David.

Frau Dr. Maier, Sie leiten die Arbeitsgruppe zur Frauenförderung der KZBV. Bei der Vertreterversammlung der KZBV beträgt der Frauenanteil 6,7 Prozent. Wie wollen Sie das ändern?

Dr. Ute Maier: Wir haben uns gerade in der Arbeitsgruppe konstituiert, und wir werden uns bis zur nächsten Vertreterversammlung im Herbst konkret Gedanken dazu machen. Dazu müssen wir uns ganz unterschiedliche Optionen anschauen. Wir sehen schon die Probleme, wie etwa die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dazu stellen sich die Fragen, wie werden Frauen überhaupt in diese Gremien gewählt? Wie werden junge Kolleginnen und junge Kollegen bekannt gemacht, damit sie auf Wahllisten überhaupt eine Chance haben? Inwiefern muss man Wahlprozedere verändern? Das sind alles Punkte, die wir in der Arbeitsgruppe noch nicht im Einzelnen diskutiert haben. Ergebnisse liegen also noch nicht vor.

Sie verorten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch als Frauenthema?

Maier: Nein, obwohl wir in der letzten Sitzung noch davon ausgegangen sind. An ganz vielen Stellen haben wir aber gemerkt, es betrifft nicht nur Frauen, sondern auch junge Kollegen, die zunehmend das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für sich entdecken – was ich sehr positiv finde. Als Körperschaft gilt es dann beispielsweise zu überlegen, wie man Rahmenbedingungen schaffen kann, damit das besser möglich ist. Das ist jetzt meine persönliche Meinung. Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, ich nehme hier schon die ausstehende Diskussion vorweg. Wir müssen auch überlegen, an welchen Tagen und zu welchen Uhrzeiten finden Sitzungen statt? Das ist bislang ein ganz festes Konstrukt – nachmittags. In diesen Bereichen müssen wir variabler werden. Bieten wir eine Kinderbetreuung an? Ist das organisierbar? Das sind derzeit unter anderem meine Überlegungen.

Der Frauenantrag heute auf der Vertreterversammlung der KZBV ist etwas zahnlos ausgefallen. Es ist eine reine Absichtserklärung. Es gibt keinerlei Zielvorgaben. Was meinen Sie dazu?

Maier: Sie haben ja selbst gemerkt, dass der Antrag noch einmal geändert worden ist. Er ist jetzt noch zurückhaltender. Es war tatsächlich so, dass alle anwesenden Frauen der AG konkret gesagt haben, wir haben jetzt erst gerade in der Arbeitsgruppe angefangen. Wir wollen die Ziele selber definieren. Wir wollen uns jetzt keine Zielvorgaben machen lassen, sondern wir sind als Arbeitsgruppe dazu da, ein Konzept zu entwickeln und unsere Vorstellungen einzubringen. Ob eine Quote jetzt nur als Ultima Ratio in Betracht kommt oder ob man sich dazu andere Gedanken machen muss – das wollten wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht festlegen. Dass eine Quote eine Option ist, wenn andere Wege, Frauen in die Gremien zu kriegen, nicht funktionieren, darüber werden wir diskutieren. Da gehen die Meinungen sicherlich auseinander. In Gremien, in denen ich über die Besetzung entscheiden kann, sehe ich eine sehr hohe Bereitschaft von Frauen, sich zu engagieren. Es gelingt uns gerade, und darauf bin ich ziemlich stolz, Gremien zu besetzen, in denen der Frauenanteil deutlich höher ist als der Männeranteil. Dazu muss man auf die Frauen zugehen und sie direkt ansprechen. Das ist anders als in einem Männersystem.

Die KZV Baden-Württemberg stellt ja auch zwei der vier Frauen der Vertreterversammlung.

Maier: Ja (lacht).

Manchmal habe ich zumindest den Eindruck, dass die Themen bei der KZBV von der Politik getrieben sind. Kaum ist eine Quote vom Gesetzgeber ins Spiel gebracht, da hält Herr Dr. Eßer eine flammende Rede, dass der Frauenanteil dringend steigen muss.

Maier: Da sehe ich das Problem derzeit an anderer Stelle verortet. Da will ich die KZBV ausdrücklich in Schutz nehmen. Es ist so, dass Themen aufpoppen, und dann erst nimmt man sich ihrer an – das gilt auch für die KZV-Landschaft. Seit einer ganzen Weile jagt ein Gesetz das andere, da fehlt manchmal die Zeit in den Institutionen, wenn sie nicht ständig neue Leute einstellen, sich einmal in Ruhe hinzusetzen und visionär Zukunftsthemen nachzugehen. Das ist gerade ein großes Problem. Unter Minister Gröhe war es so, dass er alle zwei Monate ein Gesetz eingebracht hat. Bei Spahn ist es jetzt teilweise so, dass das eine Gesetz noch nicht richtig verabschiedet ist, dann ist schon das nächste da. Eine zusätzliche Problematik besteht darin, dass in Gesetzen, von denen man gar nicht denkt, dass sie für Zahnärzte relevant sein könnten, Regelungen zu finden sind, die die Zahnärzte betreffen. Das bindet sehr viele Kräfte. Das TSVG trat zum 11. Mai in Kraft, und Umsetzungen von bestimmten Regelungen müssten eigentlich sofort erfolgen. Es bleibt gar keine Chance, um in Ruhe an den Themen zu arbeiten. Ich empfinde das als Manko. Ich würde mich gerne um so viele verschiedene Themen kümmern, aber ich weiß gar ich mehr, woher ich die Zeit dafür nehmen soll. Es ist gerade noch möglich, den Überblick über alles zu behalten. Da fühle ich mich schon getrieben, und ich kann es gar nicht mehr schaffen, mich mit allen Themen selbst zu befassen. Das führt dazu, dass gute Themen, wichtige Themen, Zukunftsthemen immer wieder einfach auf der Strecke bleiben oder erst dann bearbeitet werden, wenn der Gesetzgeber kommt und der Druck steigt.

Herr Dr. Eßer sagte jüngst, die Älteren müssten für die Jüngeren Platz machen. Haben die Älteren ein Problem mit dem Loslassen?

Maier: Ich glaube tatsächlich, dass es manchen älteren Kollegen schwerfällt loszulassen. Wenn es dann um Wahlen geht, sind ihre Namen natürlich bekannt, und auch deshalb werden sie dann gewählt. Lange-im-Geschäft-sein wird oft als Qualifikation interpretiert. Man müsste die Älteren auch motivieren, dass sie ihren Platz freigeben oder einen jungen Menschen neben sich hochkommen lassen. Ich für meinen Teilmöchte zu einem Zeitpunkt selbstbestimmt gehen, ohne dass ich abgewählt werde. Ich komme jetzt auch in ein Alter – wie hat es Herr Pochhammer gesagt: „der alten Säcke“ –, in dem man sich überlegt, wie lange man noch bleibt. Hinzu kommt, dass Männer sich in Seilschaften besser auskennen als Frauen. So kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Wie schaffen wir es, dass junge Frauen, die ja bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, bekannt gemacht und dann auch gewählt werden. Das gilt im Übrigen auch für die jungen Kollegen.

Man sieht ja auch bei der Kammerwahl in Thüringen und der Frauenliste um Rebecca Otto, an Motivation fehlt es den Frauen nicht.

Maier: Gut, dass Sie das noch ansprechen. Eine Frauenliste bedeutet ja nicht, dass die Frauen auch die Frauen wählen. Wenn man sieht, wie viele Frauen wählen durften, dann hätte man erwarten können, dass sie sagen: „Frauenliste, Juchheißa. Dann wähle ich die Frauenliste durch“. Das ist aber in Thüringen auch nicht eingetreten. Die Liste hatte schon Erfolg, aber wenn man sieht, dass 50 Prozent der Wähler Frauen sind, dann hätten auch mehr als sechs Frauen aus der Liste in die Kammerversammlung kommen können, dürfen, sollen. Frauen wollen selber entscheiden, ob sie Frauen oder Männer wählen. Das bedeutet, eine Frauenliste allein ist noch nicht das Mittel, um als Frau auf jeden Fall erfolgreich zu sein. Auch wenn Frauen in Vertreterversammlungen gewählt werden, ist diese dann meist männerdominiert besetzt. Wenn es dann um die Wahl in weitergehende Gremien geht, müssen die Frauen es schaffen, dass auch Männer die Frauen wählen. Mein Ansatzpunkt ist, wie schaffen Frauen es, dass sie bei der Urwahl so bekannt sind, wie es in anderen Bereichen über Männerseilschaften auch stattfindet. Da dürfen wir Frauen an der einen oder anderen Stelle auch noch selbstbewusster werden. Das ist aber wiederum auch schwer für junge Frauen. Treten sie zu selbstbewusst auf, gelten sie schnell als Suffragette oder Kampfhuhn. Treten sie zurückhaltend auf, werden sie nicht wahrgenommen. Da stellt sich die Frage, wie kriegt man es hin, dass Frauen auch anders wahrgenommen werden? Als Frau wird man schnell auf Äußeres reduziert. Auch heute beim Frauenantrag hieß es dann: „die Suffragetten“. Klar, ich werde als Suffragette des Zahnärztesystems in die Annalen eingehen. Da freue ich mich drüber. Das waren Frauen, die traten für ihre Ideale ein. Bei einem Antrag zur Förderung junger Männer hätte es eine solche Bemerkung nie gegeben. Da hätte niemand gesagt, guckt mal diesen … (lacht). Es gibt noch nicht einmal ein Pendant zur Suffragette für Männer. Sie sehen, wir haben schon noch Arbeit vor uns.

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