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Kongress EAO-DGI (1): Zahnersatz mit und ohne Implantate

Gemeinsame Jahrestagung von DGI und EAO: Mit Schwerpunkten Prothetik, Periimplantitis und Digitalität (Teil 1)

Drei Jahre nach der coronabedingten Absage im Jahr 2020 tagten Ende September die European Association for Osseointegration (EAO) und die deutschen und österreichischen Fachgesellschaften DGI und ÖGI wieder gemeinsam in Berlin. Zwei EAO- und eine DGI/ÖGI-Sitzung fanden jeweils parallel statt, sodass die Auswahl im sehr vielfältigen Angebot schwerfiel.

Kurz und klar

  • Klebebrücken mit zahnumfassenden Retainerflügeln können eine gute Alternative zu Implantaten im Seitenzahnbereich sein.
  • Ebenfalls posterior können bei größeren Schaltlücken oder Freiendsituationen implantatgetragene Anhängerbrücken indiziert sein.
  • Implantatgestützte Prothesen haben bei alten Patienten zahlreiche Vorteile, periimplantäre Entzündung verläuft moderat, Knochenabbau eher horizontal.
  • Belassen eigener Zähne und Pfeilervermehrung verbessern wegen erhöhter Taktilität die Prognose abnehmbarer implantatgetragener Versorgungen.
  • Mini- oder Zygoma-Implantate haben gute Erfolgsraten, Indikationen und Behandlungsprotokolle sind aber anspruchsvoll und genau zu beachten.
  • Leichte oder moderate Sedierung erfordert keine Beatmung und hat daher geringe Komplikationsraten.
  • Patienten wünschen häufig keine oder geringe Veränderungen ihres oralen Erscheinungsbildes.

Implantate einsparen

Einer der ersten Vorträge fokussierte auf eine bisher weniger verbreitete Alternative  zu Implantaten: die Klebebrücke im Seitenzahnbereich. Die in Winterthur niedergelassene und in Zürich lehrende Prothetikerin Dr. Anja Zembic erläuterte die Patientenfreundlichkeit, relativ gute Prognose und substanzschonende Präparation für diese Versorgungsform [1-3]. Nachteilig sei nur die Techniksensitivität, die unter anderem ein exaktes Vorgehen nach den Vorgaben der Materialanbieter erfordert. Als Gerüstmaterial empfiehlt Zembic Zirkonoxid, die Restaurationen werden adhäsiv befestigt und vorzugweise mit zahnumfassenden oralen und bukkalen Flügeln gestaltet [4].

Bei größeren Schaltlücken oder Freiendsituationen im Seitenzahnbereich kann häufig und aus unterschiedlichen Gründen nicht jeder verloren gegangene Zahn durch ein Implantat ersetzt werden. Hier können Anhängerbrücken eine Lösung sein. Der in eigener Praxis niedergelassene und in Groningen (Niederlande)  forschende Zahnarzt Dr. Vincent Donker verwies in Berlin auf geringere Kosten, reduzierten chirurgischen Aufwand und weniger Komplikationen. Letzere können zum Beispiel durch häufige anatomische Variationen auftreten [5, 6]. Obwohl nur begrenzt Daten zu geeigneten Implantatdesigns vorliegen, empfiehlt Donker Produkte mit Standardlänge und -durchmesser und konische Aufbauverbindungen. Eine Verschraubung sei wegen der leichteren Nachsorge zu bevorzugen und mesiale Extensionen haben ein geringeres Komplikationsrisiko als distale [7]. Das Anhängerglied sollte maximal 8 Millimeter lang sein und eine ausreichende Konnektorhöhe aufweisen [8]. Funktionelle Überlastung sei zu vermeiden und digitale Optionen könnten sinnvoll genutzt werden (mehr zu 3-D-Planung und künstlicher Intelligenz in Teil 2 dieses Berichts) [9].

Weniger Knochenabbau im Alter

Bei zahnlosen Patienten unterstützt funktionierender Zahnersatz neuronale Aktivität im Gehirn und erhöht damit dessen Plastizität. Zudem helfen implantatgetragene Prothesen, die Muskeldicke zu erhalten und erlauben eine gesündere Ernährung. Laut Prof. Dr. Martin Schimmel (Universität Bern) ist schnell verlaufender Gewichtsverlust ein Alarmzeichen, das allgemeinmedizinischer Abklärung bedarf. Schimmel verwies darauf, dass zudem bei älteren Patienten der marginale Knochenabbau geringer ist und eher horizontal auftritt als bei jüngeren [10]. Auch Sondierungstiefen seien kleiner und Abszesse seltener. Dies sei möglicherweise durch die im Alter schwächere Immunreaktion begründet, bei parallel erhöhter chronisch-entzündlicher Symptomatik („Inflammaging“).

Vehement für den Erhalt und die Integration verbleibender Zähne in Ganzkiefer-Versorgungen plädierte in Berlin Prof. Dr. Stefan Wolfart (Universität Aachen). Aufgrund ihrer signifikant besseren Taktilität ist die Prognose von „hybrid“ abgestützten Prothesen besser, bei zugleich geringerem Knochenabbau [11, 12]. Bei fünf oder mehr Pfeilern sind auch die prothetischen Komplikationen reduziert. Vorhandene zahngestützte Prothesen, die häufig keine Augmentation erfordern, lassen sich im Sinne einer strategischen Pfeilervermehrung zum Beispiel mit Lokatoren oder Teleskopen erweitern [13]. 

Kaufunktion und Lebensqualität können auf diese Weise deutlich verbessert werden, nach sechs Jahren zeigte sich für Implantate und Prothesen eine Überlebensrate von je 100 Prozent, für Zähne lag sie bei immerhin 89 Prozent. Detaillierte Konzepte können in seinem aktualisierten Lehrbuch nachgelesen werden (Quintessenz-Verlag; Oralmedizin-kompakt-Beitrag zu Pfeilervermehrung folgt).

Mini- und Zygoma-Implantate

Gute Prognosen haben bei korrekter Indikation und Behandlungsmethodik auch einteilige Durchmesser-reduzierte Implantate zur Abstützung von Vollprothesen, vor allem im Unterkiefer [14]. Prof. Dr. Torsten Mundt (Universität Greifswald) hat lange zu den selbstschneidenden und kostengünstigen Schrauben geforscht und betont, dass mit ihrer Hilfe häufig auch Patienten versorgt werden können, die keine Augmentation tolerieren. Er verweist auf die Mindestzahl (sechs im Oberkiefer, vier im Unterkiefer) und die notwendige Knochendichte von mindestens D3. Die Mindestlänge der Implantate sollte 10 Millimeter betragen und das Belastungsprotokoll muss auf deren Stabilität abgestimmt werden. Wenn lappenlos implantiert wird, sollte das immer navigiert erfolgen.

Ein anderes Extrem für Ganzkieferversorgungen im Oberkiefer sind Zygoma-Implantate. Diese können ebenfalls bei extrem reduziertem Restknochen indiziert sein und zeigen in den Händen entsprechend ausgebildeter Teams gute Erfolgsraten [15]. Der französische Oralchirurg Dr. Sepehr Zarrine (Saint-Dié-des-Vosges) war an der Entwicklung einer neuen Implantatvariante beteiligt, die nur im apikalen Gewindeanteil (Pterygoid) eine raue, im Sinus- und transgingivalen Bereich dagegen eine maschinierte Oberfläche aufweist (Straumann) (aktualisiertes Lehrbuch „The ZAGA Concept“ Quintessenz) [16].

fünf Männer sitzen nebeneinander auf einer Bühne, hinter ihnen eine Präsentation

Bei der prothetischen Versorgung alter Patienten an Belastbarkeit und Zahnerhalt denken (von links): Moderator Stephan Acham, Torsten Mundt, Stefan Wolfart, Frank Mathers und Moderator Knut Grötz.

Fachgerechte Patientenauswahl

Um im Verlauf der Operation Kieferrelation und Funktion der 3-D-geplanten Versorgung prüfen zu können, operiert Zarrine seine Patienten nach Möglichkeit in Lokalanästhesie. Möglichkeiten einer alternativ einsetzbaren leichten oder moderaten Sedierung erläuterte Dr. Frank Mathers, Facharzt für Anästhesiologie (Köln). Patienten bleiben ansprechbar und es ist keine Beatmung notwendig. Bei fachgerechter Patientenauswahl nach ASA sei das Komplikationsrisiko im oralmedizinischen Bereich entsprechend gering, eine geeignete Fortbildung aber selbstverständlich erforderlich. Eine DGZMK-Leitlinie zum Themenkomplex ist laut Prof. Dr. Dr. Knut Grötz (Wiesbaden) in Planung. Ein aktuelles Buch von Mathers zum Thema Notfallmanagement ist im Deutschen Ärzteverlag erschienen.

Ob bei Freiendsituationen in Teilprothesen integrierte Gingivaformer als vertikale Auflagen ausreichen, untersucht eine Arbeitsgruppe der Universitäten Aachen und Zürich. Die Professorin Dr. Joke Duyck (Universität Leuven, Belgien) zitierte in ihrem Vortrag zu Prothetik bei alten Patienten, dass herausnehmbare Prothesen – im Vergleich zu keiner Versorgung – den Ernährungsstatus nicht verbessern [17], aber  negative Auswirkungen auf die Restbezahnung haben. Bei der Entscheidung für oder gegen Implantation sollten zum Beispiel die Gegenbezahnung und mögliche Distalwanderung endständiger Prämolaren berücksichtigt werden [18]. Ein wichtiger Faktor sind laut Duyck auch Erwartungen der Patienten, wobei nach belgischem Recht auch ein angenommener plausibler Wunsch bindend sein kann.

Ungefragte Veränderungen von Form, Farbe und räumlicher Anordnung der Zähne sind laut Prof. DDr. Rudolf Fürhauser (Wien) für Patienten ein großes Problem („Seuche der oralen Medizin“). Nur ein Viertel wünscht laut einer Wiener Diplomarbeit größere Umgestaltung, viele fürchten sich vor unnatürlichem Aussehen und jede oder jeder Fünfte hat wegen der komplexen muskulären Lautbildungsmechanismen dauerhafte Probleme aufgrund veränderter Zahnpositionen [19]. Besonders problematisch sind nach einer Studie der Universität Münster S-Laute, Frontzahnpositionen sollten möglichst wenig verändert werden [20].

Fürhauser sieht daher digitale Konzepte zur Optimierung der Zahnstellung (zum Beispiel Smile Design, mehr dazu in Teil 2) kritisch und geht lieber analog vor. Andererseits könnten intraorale Scans helfen, die natürliche Zahnposition zu dokumentieren und reproduzieren. Entsprechende Dateien sollten Patienten ebenso wie Röntgenbilder zur Verfügung gestellt werden.

Dr. Jan H. Koch, Freising

Hier geht's zu Teil 2: DGI und EAO: Sind Patienten digitalisierbar?

Hinweis: Im Bericht genannte behandlungsbezogene Empfehlungen beruhen auf Informationen aus den Vorträgen und unterliegen möglichen Irrtümern bei der Wiedergabe. Sie können in keinem Fall die klinische Einschätzung der Leser ersetzen und müssen eigenverantwortlich geprüft werden. Details enthält gegebenenfalls die Literatur.

Literatur

[1] Edelhoff D, Sorensen JA. Tooth structure removal associated with various preparation designs for posterior teeth. Int J Periodontics Restorative Dent. 2002;22(3):241-9. Epub 2002/08/21. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12186346/
[2] Lam WY, Botelho MG, McGrath CP. Longevity of implant crowns and 2-unit cantilevered resin-bonded bridges. Clin Oral Implants Res. 2013;24(12):1369-74. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23025467  
[3] Lam WY, McGrath CP, Botelho MG. Impact of complications of single tooth restorations on oral health-related quality of life. Clin Oral Implants Res. 2014;25(1):67-73. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23581287  
[4 ]Tagami A, Chaar MS, Wille S, et al. Retention of posterior resin bonded fixed dental prostheses with different designs after chewing simulation. J Mech Behav Biomed Mater. 2021;123:104758. Epub 20210804. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/34385066  
[5] Aglietta M, Iorio Siciliano V, Blasi A, et al. Clinical and radiographic changes at implants supporting single-unit crowns (SCs) and fixed dental prostheses (FDPs) with one cantilever extension. A retrospective study. Clin Oral Implants Res. 2012;23(5):550-5. Epub 20120117. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22250868  
[6] Ramanauskaite A, Becker J, Sader R, et al. Anatomic factors as contributing risk factors in implant therapy. Periodontol 2000. 2019;81(1):64-75. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31407439  
[7] Palmer RM, Howe LC, Palmer PJ, et al. A prospective clinical trial of single Astra Tech 4.0 or 5.0 diameter implants used to support two-unit cantilever bridges: results after 3 years. Clin Oral Implants Res. 2012;23(1):35-40. Epub 20110328. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21443587  
[8] Alshahrani FA, Yilmaz B, Seidt JD, et al. A load-to-fracture and strain analysis of monolithic zirconia cantilevered frameworks. J Prosthet Dent. 2017;118(6):752-8. Epub 20170512. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28506651
[9] Donker VJJ, Raghoebar GM, Vissink A, et al. Digital Workflow for Immediate Implant Placement and Chairside Provisionalization in the Esthetic Zone. Case Rep Dent. 2022;2022:5114332. Epub 20220401. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/35527725
https://downloads.hindawi.com/journals/crid/2022/5114332.pdf  
[10] Enkling N, Moazzin R, Geers G, et al. Clinical outcomes and bone-level alterations around one-piece mini dental implants retaining mandibular overdentures: 5-year follow-up of a prospective cohort study. Clin Oral Implants Res. 2020;31(6):549-56. Epub 20200309. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/32096255
[11] Rammelsberg P, Bernhart G, Lorenzo Bermejo J, et al. Prognosis of implants and abutment teeth under combined tooth-implant-supported and solely implant-supported double-crown-retained removable dental prostheses. Clin Oral Implants Res. 2014;25(7):813-8. Epub 20130603. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23730776  
[12] Molinero-Mourelle P, Bischof F, Yilmaz B, et al. Clinical performance of tooth implant-supported removable partial dentures: a systematic review and meta-analysis. Clin Oral Investig. 2022;26(10):6003-14. Epub 20220715. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/35840738  
[13] Wolfart S, Wolf K, Brunzel S, et al. Implant placement under existing removable dental prostheses and its effect on masticatory performance. Clin Oral Investig. 2016;20(9):2447-55. Epub 20160303. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26936028
https://link.springer.com/article/10.1007/s00784-016-1746-y  
[14] Park JH, Lee JY, Shin SW. Treatment Outcomes for Mandibular Mini-Implant-Retained Overdentures: A Systematic Review. Int J Prosthodont. 2017;30(3):269-76. Epub 20170320. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28319212  
[15] Moraschini V, de Queiroz TR, Sartoretto SC, et al. Survival and complications of zygomatic implants compared to conventional implants reported in longitudinal studies with a follow-up period of at least 5 years: A systematic review and meta-analysis. Clin Implant Dent Relat Res. 2023;25(1):177-89. Epub 20221114. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/36373779  
[16] Aparicio C. A proposed classification for zygomatic implant patient based on the zygoma anatomy guided approach (ZAGA): a cross-sectional survey. Eur J Oral Implantol. 2011;4(3):269-75. Epub 2011/11/02. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22043470  
[17] Moynihan PJ, Butler TJ, Thomason JM, et al. Nutrient intake in partially dentate patients: the effect of prosthetic rehabilitation. J Dent. 2000;28(8):557-63. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11082523  
[18] McKenna G, Tada S, McLister C, et al. Tooth replacement options for partially dentate older adults: a survival analysis. J Dent. 2020;103:103468. Epub 20200908. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/32911009  
[19] Collaert B, Van Dessel J, Konings M, et al. On Speech Problems with Fixed Restorations on Implants in the Edentulous Maxilla: Introduction of a Novel Management Concept. Clin Implant Dent Relat Res. 2015;17 Suppl 2:e745-50. Epub 20150414. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25873135
[20] Runte C, Tawana D, Dirksen D, et al. Spectral analysis of /s/ sound with changing angulation of the maxillary central incisors. Int J Prosthodont. 2002;15(3):254-8. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12066488

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan H. Koch ist approbierter Zahnarzt mit mehreren Jahren Berufserfahrung in Praxis und Hochschule. Seit dem Jahr 2000 ist er als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Falldarstellungen, Veranstaltungsberichte und Pressetexte, für Dentalindustrie, Medien und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die dzw und ihre Fachmagazine, unter anderem die Kolumne Oralmedizin kompakt.

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6 Jahre 9 Monate