ZahnMedizin kompakt

Dezember 2018

Neues aus der Forschung

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Jeden Monat erscheinen auf dem Gebiet der Zahn- und oralen Medizin viele Hundert wissenschaftliche Fachartikel. Einmal im Monat bieten wir unsern Lesern eine kleine Auswahl.

Selbstätzendes Füllungsmaterial bleibt Ziel

In der direkten Füllungstherapie funktionieren zwei adhäsive Protokolle am besten: Die klassische Drei-Schritt-Technik oder selektive Schmelzätzung mit Zweischritt-Dentinbonding mit selbstätzendem Material. Die Herausgeber des „Journal of Adhesive Dentistry“ (Quintessenz), die Professoren Bart van Meerbeek (Leuven) und Roland Frankenberger (Marburg), heben in einem Editorial positiv hervor, dass Universaladhäsive je nach klinischer Situation und Anwenderpräferenz flexibel einsetzbar sind [1].

Die Autoren verraten aber auch, wo es noch hakt: Je nach Produkt gebe es erhebliche Leistungsunterschiede, die unter anderem auf der verwendeten Variante des funktionellen Monomers MDP beruhen. Was genau in welcher Menge enthalten ist, wird von den Herstellern oder Anbietern nicht verraten. Bei indirekter Keramik sei weiterhin ein separater Silanprimer empfehlenswert. Schließlich gebe es häufig keine Langzeitdaten von zehn oder mehr Jahren, auf die aber beim Kauf geachtet werden sollte. Auch in Bezug auf neue, bioaktive Materialien verweisen die Autoren auf die Zukunft: Nach wie vor fehlten Produkte, die mechanisch belastbar und zugleich antibakteriell, antienzymatisch oder remineralisierend wirksam sind. Auch ein einfach anzuwendendes selbstadhäsives Füllungsmaterial sei weiterhin auf der Wunschliste der Zahnmedizin.

Lächelnder Mund dominiert faziale Ästhetik bei Männern

In einer fotobasierten Studie wurde untersucht, wie Gesichtskomponenten die ästhetische Bewertung von jungen Männern beeinflussen [2]. Dafür beurteilten 15 Frauen zwischen 20 und 60 Jahren frontale Porträts und Bildausschnitte von Augen, Mund, Nase und Mund, die bei 86 hellhäutigen brasilianischen Studenten in standardisierter Weise aufgenommen wurden. Es zeigte sich, dass der lächelnde Mund die Wahrnehmung von Schönheit – im Vergleich zu den anderen drei anatomischen Komponenten – am stärksten bestimmte.

Als Ursache vermuten die Forscher, dass der Mund den Gesichtsausdruck über die mimische Muskulatur am stärksten beeinflusst und dadurch das Kommunikationszentrum des Gesichts ist. Dagegen sei zum Beispiel die Nase relativ unbeweglich. Die Autoren weisen darauf hin, dass Schönheit von Attraktivität abzugrenzen ist. So seien auf der Basis von anderen Studien für männliche Attraktivität Augen und Mund gleichermaßen bedeutsam. Unabhängig von dieser Frage folgern die Autoren, dass zahnärztliche Maßnahmen, die die Ästhetik des Lächelns beeinflussen, wirksamer und weniger invasiv sein könnten als zum Beispiel plastische Nasenoperationen.

Digitale Implantatabformung und Patientenfaktoren von CAI

Im Rahmen der 6. Konsens-Konferenz des International Team for Implantology (ITI, von Straumann geförderte Stiftung) wurde unter anderem der Stand der Technik bei Implantatabformungen und bei computergestützter Planung, Implantatlageraufbereitung und -implantation (computer aided implantology CAI) ermittelt [3]. Die Präzision konventioneller und digitaler Abformungen wurde bisher überwiegend auf der Basis von In-vitro-Studien untersucht (nur vier klinische Studien) [4]. Ergebnisse erwiesen sich als sehr heterogen, und zwar sowohl für (a) lineare und Winkelabweichungen, (b) dreidimensionale Differenzen zwischen konventionellen Abformpfosten und Scanpfosten und (c) die Randpassung implantatgetragener Gerüste auf den Implantatabutments.

Patientenbezogene Faktoren computergestützter Implantologie mit statischer Implantation über Bohrschablonen wurden in 14 klinischen Studien untersucht (484 Patienten, 2.510 Implantate) [5]. Komplikationen waren vergleichbar häufig wie bei freihändiger Implantation oder Verwendung laborgefertigter Bohrschablonen. Vorteile für CAI fanden die Autoren bei Implantation in zahnlose Kiefer ohne Aufklappung. Wirtschaftliche Faktoren wie Zeit- oder Kostenersparnis konnten dagegen aufgrund der Literatur nicht bewertet werden. Wie so häufig weisen die Autoren darauf hin, dass mehr hochwertige kontrolliert-randomisierte Studien erforderlich seien.

Prävention nicht nur wirtschaftlich bewerten

Der Nutzen von Prävention wird häufig danach eingeschätzt, ob dadurch direkte Kosteneinsparungen für therapeutische Maßnahmen möglich sind. So wurde in der Schweiz nach Einführung der Schulzahnpflege die Kariesprävalenz im Vergleich zu den 1960er-Jahren um 90 Prozent reduziert und damit die Gesundheit der Kinder verbessert. In welchem Ausmaß dadurch auch therapeutische Kosten gesenkt wurden, ist schwierig zu ermitteln.

Das „Swiss Dental Journal“ (SDJ, offizielles Journal der Schweizer Zahnärzteschaft) diskutiert ein Gegenmodell zur Therapiekostenbewertung, das der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Simon Wieser (Zürich) im Juni 2018 auf einer parlamentarischen Tagung in Bern vorgestellt hat [6]. Demnach sollten auch die geringere, individuell erlebte Krankheitslast (Leiden) weniger Produktionsverluste durch Arbeitsausfall und der Gewinn gesunder Lebenszeit und Gesamtlebensdauer gegenüber dem Durchschnitt einbezogen werden.
Basis für die lebenszeitbezogenen Daten ist das krankheitslastbezogene Daly-Konzept (disability-adjusted life years). Dieses ist laut Bericht im SDJ bei therapeutischen Maßnahmen, zum Beispiel bei der Verschreibung von Medikamenten, bereits üblich. Der Ökonom Wieser hält wirtschaftliche Überlegungen in der medizinischen Versorgung für gerechtfertigt, plädiert aber für eine Bewertung auch der Prävention nach dem Prinzip der Krankheitslast.



Literatur

[1] van Meerbeek B. What’s next after „universal“ adhesives, „bioactive“ adhesives? The Journal of Adhesive Dentistry 2017;19:459-460.
[2] Patusco V, Carvalho CK, Lenza MA, Faber J. Smile prevails over other facial components of male facial esthetics. J Am Dent Assoc 2018;149:680–687.
[3] Wismeijer D, Chen ST. Proceedings of the 6th ITI Consensus Conference. Clin Oral Implants Res 2018;29 Suppl 16:5–7.
[4] Flugge T, van der Meer WJ, Gonzalez BG, Vach K, Wismeijer D, Wang P. The accuracy of different dental impression techniques for implant-supported dental prostheses: A systematic review and meta-analysis. Clin Oral Implants Res 2018;29 Suppl 16:374–392.
[5] Joda T, Derksen W, Wittneben JG, Kuehl S. Static computer-aided implant surgery (s-CAIS) analysing patient-reported outcome measures (PROMs), economics and surgical complications: A systematic review. Clin Oral Implants Res 2018;29 Suppl 16:359-373.
[6] Renggli A. Der unbezifferte Gewinn der Prävention. Swiss Dental Journal 2018;128:718–719.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).