Oralmedizin kompakt

Neues aus der Forschung

Extraktionstherapie bringt möglicherweise keine Vorteile

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Oralmedizin kompakt: Frisches Wissen für Ihre Praxis

Für Ihre Patienten wollen Sie auf dem Laufenden bleiben. Welche Methoden funktionieren – und sind möglichst mit Studien abgesichert? Die Kolumne Oralmedizin kompakt liefert Antworten. Fachjournalist Dr. med. dent. Jan H. Koch sichtet für Sie laufend wissenschaftliche und praxisorientierte Publikationen oder berichtet von Veranstaltungen. Die Beiträge finden Sie online auf unserer Landingpage. Gehen Sie auf Entdeckungsreise!


Die Behandlung von Dysgnathien mit Multibandsystemen ist nach einer Studie mit insgesamt 109 Patienten mit oder ohne zusätzliche Extraktionen zum Ausgleich von Platzmangel gleichermaßen erfolgreich [8]. Das therapeutische Ergebnis wurde mit dem Peer Assessment Rating Index (PAR) bewertet [9]. Anhand von Gipsmodellen werden dafür vor und nach Therapie die üblichen Parameter bestimmt, also posteriore und anteriore sagittale Verzahnung, vertikal-frontaler Überbiss, Mittellinien- und anteriore Kontaktpunktabweichung.

Der durchschnittliche PAR-Endwert war in der Gruppe ohne Extraktion mit 2,1 niedriger und damit günstiger als in der Vergleichsgruppe mit 3,2. Eine erheblich verbesserte Situation gegenüber dem Anfangsbefund wurde damit in 84,5 Prozent der extraktionsfrei behandelten Jugendlichen, im Vergleich zu 76,6 Prozent der Gruppe mit Extraktionen erreicht. Die Verbesserung zum Ausgangswert betrug für die beiden Gruppen 92,8 (ohne) vs. 91,2 Prozent (mit Extraktion) und damit sehr deutlich über den geforderten 70 Prozent. Die Behandlung von der Eingliederung des Multibandsystems bis zu seiner Entfernung dauerte mit Extraktion 25,4 Monate, ohne Extraktion 22,5 Monate.

Die Untersuchung erfolgte an der Abteilung für Kinderzahnheilkunde der Universität Minsk (Weißrussland). Leider wird in der Publikation nicht erläutert, nach welchen Kriterien die Patienten ausgesucht und den Gruppen zugeteilt wurden. Zudem fehlt eine für valide Aussagen zu fordernde Randomisierung und es wird nicht erwähnt, ob und gegebenenfalls wie die statistisch erforderlichen Fallzahlen ermittelt wurden (numbers needed to treat).

Schließlich diskutieren die Autoren keine anderen Studien, in denen zwischen Extraktion und Nicht-Extraktion nach dem PAR- oder einem anderen geeigneten Index verglichen. Die Datenlage hierzu ist nach einer kurzen Literatursichtung in PubMed sehr begrenzt und systematische Auswertungen waren nicht zu finden. Retrospektive Studien scheinen aber für Behandlungsprotokolle ohne Extraktionen zu sprechen [10–12].

Beiträge in der Rubrik Oralmedizin kompakt können in keinem Fall die klinische Einschätzung des Lesers ersetzen. Sie sind keine Behandlungsempfehlung, sondern sollen – auf der Basis aktueller Literatur – die eigenverantwortliche Entscheidungsfindung unterstützen.

Literatur

  • [8] Tserakhava, T., et al.; Kieferorthopädie 2019. 33 (3): 281-289.
  • [9] Richmond, S., et al.; Eur J Orthod 1992. 14 (3): 180-187.
  • [10] Azeem, M., et al.; Int Orthod 2018. 16 (4): 665-675.
  • [11] Ileri, Z., et al.; Eur J Orthod 2012. 34 (6): 681-685.
  • [12] Leon-Salazar, R., et al.; Dental Press J Orthod 2014. 19 (4): 38-49.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).

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