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Kolumne Sylvia Gabel

Fremd schämen!

Retten 20 Prozent weniger Ausbildungsvergütung die Liquidität der Praxis?
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Retten 20 Prozent weniger Ausbildungsvergütung die Liquidität der Praxis?

Kürzlich habe ich eine Berufsschule besucht und Vorträge gehalten zu den Themen Ausbildungsnachweis, Ausbildungsvertrag, Tarife, Karrieremöglichkeiten, Rechte und Pflichten von Auszubildenen. Angefangen um 7:45 Uhr bis 13:15 Uhr in drei Klassen. Nach den Vorträgen durften die Azubis Fragen stellen, die ich gerne beantwortet habe.

Ich wurde aber sprachlos  – und das passiert mir ganz selten – als die Frage gestellt wurde, warum viele Azubis 20 Prozent weniger Ausbildungsvergütung erhalten als die meisten ihrer Kolleginnen oder Kollegen. Tja, das dürfen Zahnärzte machen, wenn die wirtschaftliche Lage der Praxis es nicht zulässt, die gesamte Ausbildungsvergütung zu zahlen –  denn das ist ein BAG-Urteil, das auch für Zahnarzt Praxen gilt.

Jetzt aber mal bei aller Liebe: Retten die 20 Prozent weniger Ausbildungsvergütung die Liquidität der Praxis? Es gibt manchmal Situationen, da schäme ich mich fremd. Alle schreien nach Fachkräften und es ist mittlerweile bei allen angekommen, dass ein Fachkräftemangel besteht – und dann sparen wir bei den Azubis? Wir sollen die jungen Kolleginnen motivieren, nach der Ausbildung im Beruf zu bleiben. Aber kein Azubi bleibt in diesem Beruf, wenn die Entlohnung so schlecht ist – und das schon in der Ausbildung.

Und da nehme ich auch alle Kammern in ihre Verantwortung. Wenn ein Zahnarzt die Rolle eintragen lässt mit 20 Prozent weniger Ausbildungsvergütung, müsste nachgeprüft werden, ob es der Praxis wirklich wirtschaftlich so schlecht geht. Und ich bin davon überzeugt, es geht kaum einer dieser Praxen finanziell schlecht. Wenn wir auch schon unsere jungen Azubis nicht genügend wertschätzen, wird dieser Beruf nicht mehr genommen werden. So kann man Fachkräftemangel auch fördern!

Natürlich weiß ich auch, dass es sehr viele Praxen gibt, die ihren Azubis die volle Ausbildungsvergütung bezahlen, und in vielen Praxen gibt es auch Weihnachtsgeld oder sonstige Annehmlichkeiten.

Bei den Azubis muss auch bedacht werden, dass viele noch keine 18 Jahre alt sind – da reden wir dann vom Jugendarbeitsschutzgesetz! Auch darauf wird viel zu wenig geachtet.

Übrigens: In diesem Jahr finden wieder Tarifverhandlungen statt, vielleicht möchten die tariflosen Kammerbereiche doch mitmachen, wäre überlegenswert.

Ich wünsche Euch eine schöne Woche und hoffe, dass mancher Zahnarzt sich Gedanken macht!

Eure

Sylvia Gabel

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