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Pochhammer: „TI muss unsichtbar werden“

Die Kritik an der Gematik wird gerade zunehmend lauter. Die KBV fordert einen grundlegenden Neustart und droht mit dem Ende der Zusammenarbeit in der Betreibergesellschaft der Telematikinfrastruktur. Der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. Andreas Gassen, fordert gar, der Gematik-Chef, Dr. Markus Leyck Dieken, solle sein „digitales Wolkenkuckucksheim“ verlassen, das er der staunenden Öffentlichkeit mit jeder neuen Presseverlautbarung vorgaukele, und vergleicht Struktur und Entscheidungsprozesse der Gematik mit politischen Systemen, in denen sonntags Jubelfähnchen geschwungen würden. KBV-Vorstand Dr. Thomas Kriedel zieht ebenfalls eine ernüchternde Bilanz zur TI. Die Anwendungen würden kaum genutzt oder funktionierten nicht zuverlässig. Nur 0,6 Prozent der GKV-Versicherten nutzten die ePA. Der Stand der TI insgesamt sei „eine Katastrophe“.

Auch die BZÄK äußerte sich, wenn auch deutlich verhaltener, zur TI, sie will zumindest einen Schwenk von der Technikzentrierung hin zur Versorgungszentrierung.

Interview mit Dr. Karl-Georg Pochhammer

Und die KZBV? Lautes oder Schrilles zur TI wie von der KBV ist von dieser Seite bislang nicht zu hören. Die dzw hat den für die TI zuständigen stellvertretenden KZBV-Vorstandsvorsitzenden, Dr. Karl-Georg Pochhammer, zu den Themen rund um Gematik und TI befragt.

Ein Bild, das einen grinsenden Mann in dunklem Anzug und verschränkten Armen vor hellem Hintergrund mit Schriftzügen zeigt

Dr. Karl-Georg Pochhammer, Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands der KZBV

Wie positioniert sich der KZBV-Vorstand in der Debatte, die die KBV jüngst ins Rollen brachte?

Dr. Karl-Georg Pochhammer: Eine stärker versorgungs- und nutzerzentrierte Perspektive der TI ist ein Punkt, den die KZBV seit Jahren in den Gremien der Gematik adressiert. Die An-wendungen der TI müssen, bevor sie in die Versorgung kommen, gemeinsam mit den Nutzern entwickelt und unter „echten“ Bedingungen getestet werden. In diesem Sinne wurde auf Initiative der KZBV gemeinsam mit der KBV vor wenigen Wochen beschlossen, dass alle neue TI-Anwendungen grundsätzlich in Modellregionen pilotiert werden sollen.

Teilen Sie die massive Kritik der KBV an der Gematik bis hin zur völligen Neuaufstellung?

Pochhammer: Es gibt immer wieder Punkte, die wir – ähnlich wie die KBV – kritisieren und uns für die Interessen der Zahnärzteschaft deutlich positionieren. Wo immer jedoch viele Player mit unterschiedlichen Interessen sind, gibt es solche Punkte, die man in der Zusammenarbeit besser machen kann und eben auch besser machen muss. Daran sollten wir konstruktiv arbeiten.

Wie beurteilen Sie die Entscheidungsprozesse innerhalb der Gematik? Sind die Gesellschafterbeschlüsse in Wahrheit BMG-Beschlüsse, wie es die KBV interpretiert?

Pochhammer: Aufgabe der Gematik ist es, dass der Betrieb der TI sicher, leistungsfähig und im Sinne der Nutzer läuft. Hierzu definiert sie Standards für Dienste, Komponenten und Anwendungen. Die KZBV ist, wie die anderen Gesellschafter, in diese Prozesse eingebunden, und es gibt Möglichkeiten, die eigenen Positionen einzubringen. Aufgrund der Stimmenverhältnisse in der Gesellschafterversammlung hat die Konfliktfähigkeit der einzelnen Positionen natürlich Grenzen. Das BMG kann daher jederzeit Entscheidungen gegen den Willen der anderen Gesellschafter durchsetzen und hat diese Möglichkeit in der Vergangenheit auch genutzt. Gleichwohl versucht das BMG, gerade bei Leuchtturmprojekten der TI, Entscheidungen möglichst einstimmig und damit zumindest ohne direkte Gegenstimmen zu treffen.

Ein Bild, das einen digitalen Schnitt durch einen Zahn zeigt. Im Hintergrund ein weiß gekleideter Mensch mit medizinischer Maske, dessen Hände das Zahnmodell halten

Mit der TI 2.0 soll die TI als geschlossenes Gesundheitsnetz bis Ende 2025 durch ein internetbasiertes Modell ersetzt werden.

War die „Spahnsche Digitalisierungspolitik eine Luftnummer?“, wie KBV-Vorstand Kriedel es nennt?

Pochhammer: Jens Spahn hat in Sachen Digitalisierung viel auf den Weg gebracht. Deutschland, das ist bekannt, belegt bei der Digitalisierung einen der hinteren Plätze, und wir haben gesehen, wie sich der Mangel an digitaler Vernetzung in der Corona-Pandemie ausgewirkt hat.

Jens Spahn hat es in der Gesamtschau aber zu sehr mit der Brechstange versucht und mit den Sanktionen oftmals das genaue Gegenteil bewirkt, nämlich eine negative Grundstimmung gegen eine übergestülpte Digitalisierung. Das Tempo, das er vorgegeben hat, hat viele Praxen und auch die Industrie, die das Tempo mit ihren Angeboten mitgehen muss, überfordert. Insofern war dieses politische Vorgehen nicht nutzerorientiert.

Wie sehen Sie die Zukunft von Gematik und TI?

Pochhammer: Beides ist etabliert. Und das ist auch gut so. Was wir brauchen sind sinnvolle Anpassungen und eine strikte Orientierung am Nutzen für die Patienten und Praxen. Die TI muss praxistauglicher werden und dies auch vor Einführung neuer Anwendungen in entsprechenden Tests und anschließenden Pilotphasen nachweisen. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass sich die Gematik zum Beispiel künftig intensiver um die Durchsetzung der verbindlichen Standards für Dienste, Komponenten und Anwendungen der TI kümmert.

Das, was gemeinsam spezifiziert und entwickelt worden ist, muss – gerade mit Blick auf die Interoperabilität, bei der es im Feld immer wieder hakt – von allen Beteiligten, vor allem den Primärsystemherstellern, verbindlich umgesetzt werden. Hier muss die Gematik künftig stärker in der Rolle eines fachlich und disziplinarisch verantwortlichen Projektleiters agieren, der die Praxistauglichkeit der IT-Lösungen über Zulassungs- und Zertifizierungsverfahren immer wieder einfordert und sicherstellt. Und die Zukunft der TI ist mit der TI 2.0 bereits geschrieben.

Ziel ist es, die TI mobiler und einfacher in der Bedienung zu machen. Aus unserer Sicht muss die TI als solche unsichtbar werden, damit sie als „normaler“ Bestandteil der notwendigen Infrastruktur einer Praxis akzeptiert werden kann. Erst dann können medizinischen Akteure und die Versicherten neue Anwendungen, wie zum Beispiel den TI-Messenger oder die elektronische Patientenkurzakte, als echten Mehrwert verstehen, etwa um sich noch besser digital vernetzen zu können.

Soll die TI künftig staatliche Infrastrukturleistung werden und somit aus der GKV-Finanzierung losgelöst werden, wie es die KBV fordert?

Pochhammer: Die KBV hat noch nicht beschrieben, wie das konkret umgesetzt werden könnte – das muss man vor einer Bewertung abwarten. Ein weiteres Aushöhlen der Selbstverwaltung sollte in jedem Fall vermieden werden. Was sich die KZBV sehr gut vorstellen kann, wäre – analog zum Krankenhauszukunftsgesetz – ein Stärkungsgesetz, das den Zahnarztpraxen Fördermittel für die Digitalisierung und die sich daraus ergebenden notwendigen Aufwände für die Cybersicherheit ermöglicht.  

Wie beurteilt die KZBV den Status quo der TI und die abzusehende Entwicklung?

Pochhammer: Die Dynamik in den vergangenen Jahren hat dazu geführt, dass lange geplante digitale Anwendungen, wie zum Beispiel die elektronische Patientenakte (ePA) oder elektronische Verordnungen (E-Rezept), nun endlich bereitstehen und genutzt werden könnten. Mit KIM wurde auch die Basis dafür gelegt, dass gerade für die Zahnärzteschaft wirklich hilfreiche Anwendungen wie das elektronisches Beantragungs- und Genehmigungsverfahren (EBZ) jetzt starten können. Die große Mehrheit der der Praxen, Apotheken und Krankenhäuser ist schon an die TI angeschlossen, weitere Nutzer kommen in den nächsten Jahren hinzu. Zahnarztpraxen nehmen dabei eine Vorreiterrolle ein. Kein anderer Sektor verfügt flächendeckend über einen solch hohen Ausstattungsgrad. Das ist erstmal ein gutes Ergebnis. Die TI ist die Grundlage für ein digital vernetztes Gesundheitswesen. Allerdings ist die Nutzbarkeit der Anwendungen vielerorts noch nicht in der Praxis angekommen. Daran müssen wir künftig stärker arbeiten und wir brauchen zusätzlich mehr Aufklärung und Information für die Versicherten – diese Aufgabe darf nicht bei den Praxen zusätzlich aufgebürdet werden. Im laufenden Betrieb ist es zudem wichtig, Mechanismen zu etablieren, um vor Ort in der Praxis gemeinsam mit der Industrie überprüfen zu können, wo und warum es noch Probleme gibt. Dazu ist auch eine konsequentere Zertifizierung von IT-Lösungen, auch und gerade mit Blick auf die Nutzerfreundlichkeit, notwendig. Wenn diese Punkte im Rahmen der Transformation hin zu TI 2.0 gelingt, entwickelt sich die TI in die richtige Richtung.