Anzeige

Multitasking und permanente Unterbrechungen machen krank

Diagramm TK Gesundheitsreport

Die Arbeitswelt unterliegt ständigen Veränderungen. Aktuell verschwimmen mehr und mehr die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Durch die digitale Revolution und die weltweite Vernetzung von Arbeitsorganisationen ist die Forderung nach ständiger Erreichbarkeit zur Norm geworden. Zunehmende Belastungen wie diese zeigen im unternehmerischen Alltag Wirkung, nicht zuletzt in Fehlzeitenstatistiken.

Gefährdungsbeurteilung: Psychische Belastungen gehören dazu

Auf Grundlage der EU-Rahmenrichtlinie 89/391/EWG verpflichtet der Gesetzgeber seit dem Jahr 2014 alle Unternehmen (Paragraf 5 ArbSchG, Ziffer 6), eine Gefährdungsbeurteilung auch in Bezug auf psychische Belastungen durchzuführen. Es geht dabei explizit nicht um die Beurteilung der psychischen Verfassung oder der Gesundheit der Mitarbeiter.

Hintergrund des Gesetzes ist das Erkennen, Vorbeugen und Reduzieren von Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz. Im Sinne des ArbSchG geht es um die Beurteilung der Arbeit, der Arbeitsabläufe und deren Gestaltung. Deshalb ist die Durchführung einer GBpsych ein Präventionsansatz mit rechtlichem Rahmen und vielfältigem Nutzen. Die Einhaltung der Durchführung überprüfen dabei die staatliche Arbeitsschutzverwaltung und die Gewerbeaufsicht.

80 Millionen Fehltage

Eine Arbeitswelt ohne psychische Anforderungen ist ebenso wenig denkbar wie Arbeit ohne jegliche körperliche Anstrengung. Mit der Zunahme der psychischen Belastung steigt jedoch das Risiko für die Entstehung psychisch bedingter Erkrankungen. Analysen von Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tage) in diesem Diagnosebereich verzeichnen in den vergangenen 15 Jahren ein rasantes Wachstum. Laut Bundesregierung (Kleine Anfrage, Bundestagsdrucksache 18/8442 vom 30. Mai 2016) verursachten psychisch bedingte Erkrankungen im Jahr 1999 noch 25,7 Millionen AU-Tage. Dieser Wert hat sich inzwischen mehr als verdreifacht. Im Jahr 2014 lag die Anzahl bei 79,4 Millionen AU-Tagen.

15 Prozent aller Fehltage wegen psychischer Belastungen

Der Gesundheitsreport 2016 der Techniker Krankenkasse weist für Fehlzeiten aufgrund von „Psychischen und Verhaltensstörungen“ im Zeitraum 2000 bis 2015 eine relative Steigerung von 190 Prozent aus (Grafik 1). Etwa 15 Prozent aller betrieblichen Fehltage gehen inzwischen auf psychisch bedingte Erkrankungen zurück. 42 Prozent und damit fast jede zweite Frühverrentung erfolgt aktuell aufgrund psychischer Fehlbelastungen.

Diagramm TK Gesundheitsreport

Leistungsdruck, hohe Arbeitsintensitäten und Rollenunklarheit

Psychische Belastung bei der Arbeit umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Einflüsse, die als Indikatoren herangezogen werden können. Psychische Belastungen drohen unter anderem durch hohen Leistungsdruck, hohe Arbeitsintensitäten, fehlende soziale Unterstützung am Arbeitsplatz, Rollenunklarheit, die Verteilung der Arbeitszeit und monoton wiederkehrende Arbeitsabläufe. Mangelnde Eigenverantwortlichkeit, wenig Handlungsspielraum und geringe gestalterische Möglichkeiten können ebenfalls als belastend empfunden werden. Der Körper reagiert darauf mit schneller Erschöpfung, mangelnder Belastbarkeit, Reizbarkeit und Niedergeschlagenheit.

Die Folgen von Multitasking und ständigen Unterbrechungen

Der Stressreport 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) untersuchte die Entwicklung „psychischer Anforderungen“. Als bedeutsamster Aspekt kristallisierte sich das Thema „Multitasking – verschiedene Arbeiten gleichzeitig“ heraus. Weiter wurden als Ursachen starker Termin- und Leistungsdruck und ständige Arbeitsunterbrechungen genannt (Grafik 2).

Balkendiagramm Stress

Restrukturieren – aber richtig

Die Wirkung von Restrukturierungen wurde ebenfalls untersucht.  Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass in restrukturierten Unternehmen die oben genannten Belastungsfaktoren stärker wahrgenommen und häufiger benannt werden als in nicht restrukturierten Unternehmen.

Dies gilt auch für das Auftreten von Belastungsindikatoren wie allgemeiner Erschöpfung, Reizbarkeit, Schlafstörungen und Niedergeschlagenheit. Bei der Planung von Veränderungsprozessen erscheint es deshalb sinnvoll, Projektleiter und Führungskräfte gezielter auf ihre Aufgaben und ihre Verantwortung in Restrukturierungsprozessen vorzubereiten, um zusätzliche psychische Belastungen für die Mitarbeiterschaft zu vermeiden.

Die beiden folgenden Teile dieser kleinen Serie befasen sich mit den Schwerpunkten „Konsequenzen und Nutzen für Unternehmen und Praxis“ (Teil 2) und „Durchführungsaspekte“ (Teil 3).