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Investor-ZMVZ-Gutachten

„Wir müssen wegkommen von dieser ideologischen Diskussion“

Gutachten zu IZMVZ: Interview mit Franz Maier (Acura), Dr. Jörn Thiemer (KonfiDents) und Dr. Daniel Wichels (zahneins)
Acura zahneins KonfiDents

Gutachten zu IZMVZ: Interview mit Franz Maier (Acura), Dr. Daniel Wichels (zahneins) und Dr. Jörn Thiemer (KonfiDents)

Es gibt ein neues Gutachten zu Investoren-ZMVZ (IZMVZ) des WifOR-Instituts mit dem Titel „Rolle der medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in der zahnärztlichen Versorgung. Auswertung einer Primärdatenerhebung in ZMVZ mit Investorenbeteiligung“. Auftraggeber sind die Acura MVZ GmbH, die AllDent Holding GmbH, die DentaDox MVZ GmbH, die EDG Deutschland Holding GmbH, die KonfiDents GmbH und die zahneins GmbH – Unternehmen, die bereits bestehende Zahnarztpraxen übernehmen und diese in ihre zahnmedizinischen Versorgungszentren (ZMVZ) integrieren.

Kernaussage des Gutachtens: „Die Analyse von Abrechnungsdaten von ZMVZ mit Investorenbeteiligung bestätigt demnach nicht die Kritikpunkte in der öffentlichen Debatte um ZMVZ mit Investorenbeteiligung, wie ein verändertes Abrechnungsverhalten und den Eingriff in die zahnärztliche Behandlungsfreiheit durch den Investor.“

Die dzw sprach aus diesem Anlass mit den Geschäftsführern von drei Gesellschaften, die an der Beauftragung des Gutachtens beteiligt waren: Franz Maier, Geschäftsführer der ACURA MVZ GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main, Dr. Jörn Thiemer, Geschäftsführer des Praxisnetzwerks KonfiDents GmbH aus Düsseldorf und Dr. Daniel Wichels, Gründer und Geschäftsführer der zahneins GmbH aus Hamburg.

Gutachten zu Investoren-ZMVZ: Interview mit Franz Maier (Acura), Dr. Jörn Thiemer (KonfiDents) und Dr. Daniel Wichels (zahneins)

dzw: Können Sie uns das Gutachten und das Ziel des Gutachtens vorstellen?

Franz Maier: Das Gutachten von WifOR, einem unabhängigen und sehr renommierten Wirtschaftsforschungsinstitut mit Sitz in Darmstadt, ist ein ganz zentraler Beitrag zur Rolle von ZMVZ als Beitrag in der zahnärztlichen Versorgung in Deutschland. Es wird aufgezeigt, dass die Zahnärzteschaft heute von einem starken demografischen Wandel betroffen ist. In den nächsten Jahren werden viele Zahnärzte altersbedingt aus dem Arbeitsleben ausscheiden und keinen geeigneten Praxisnachfolger finden. Hinzu kommt, dass viele Berufseinsteiger andere Präferenzen in ihrer Lebenseinstellung haben. Viele wollen lieber angestellt als selbstständig arbeiten. Der Gesetzgeber hat das schon vor Jahren erkannt und 2015 den Weg zur Gründung zahnmedizinischer Versorgungszentren frei gemacht. Heute diskutieren wir die Auswirkungen. Wir wollen mit diesem Gutachten einen aus unserer Sicht wichtigen Beitrag zur laufenden Debatte leisten, indem wir Daten unserer Praxen offenlegen. Wir sind zwar nur eine Teilmenge des gesamten zahnärztlichen I-MVZ-Markts, aber eine durchaus relevante Teilmenge mit einer relevanten Datenmenge. Das Gutachten ist somit eine einzigartige und auch fundierte Darstellung, denn wir kennen unsere Zahlen sehr genau – auch in der historischen Tiefe. Das ist bei anderen Analysen so nicht gegeben.


dzw: Wo stehen Sie als Investoren und ZMVZ-Betreiber aktuell? Wie sieht Ihre Perspektive bezüglich Wachstums – auch in Corona-Zeiten – aus?

Dr. Jörn Thiemer: Das vergangene Jahr hat uns allen gezeigt, dass man sich nicht gegen alles absichern kann. Bei allen Risiken, die man mit einer Selbständigkeit eingeht, und bei allen Belastungen, die bürokratisch und auch finanziell zunehmen, wird gerade jetzt deutlich, dass nicht alles planbar ist. Das hat vielen Kolleginnen und Kollegen vor Augen geführt, dass es sinnvoll sein kann, sich unter das Dach einer Gruppe zu begeben, weil man hier deutlich mehr Schutz und auch viel größere Sicherheit genießt als bei einer Selbstständigkeit. Hinzu kommt noch ein weiterer Trend: Vor allem junge Zahnärztinnen, aber auch immer mehr junge Zahnärzte wollen heute gar nicht mehr 30 Jahre lang mit einem 18-Stunden-Arbeitstag selbstständig sein. Da gibt es viel stärker das Bedürfnis nach Teilzeit und einer stärkeren Vereinbarkeit von Beruf und Familie – nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance. Immer wichtigere Bedürfnisse, die wir in einer größeren Struktur natürlich viel besser abdecken können.
Unsere Strategie ist, dass wir weiterhin Praxen suchen, die qualitativ und vom Standort her zu uns passen. Bei uns sind das in der Regel keine Neugründungen, die in Ballungsräumen als Konkurrenz bestehender Praxen hinzukommen, sondern überwiegend bereits lange bestehende Praxen, die in der Region fest verankert sind. Unsere Strategie geht aber ganz klar in Richtung Wachstum. Wir wollen ein immer größeres Netzwerk aus ZMVZ aufbauen, damit alle und in erster Linie die Patienten von den Synergien unserer Netzwerke profitieren.
Franz Maier: Investoren-ZMVZ machen derzeit einen verschwindend kleinen Teil der Versorgung aus. Von den rund 42.000 Praxen in Deutschland sind es nach Aussagen der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) gerade einmal 207. Das ist objektiv zu wenig, wenn man einen langfristigen und flächendeckenden Versorgungsbeitrag leisten will. Perspektivisch gibt es für uns keine Alternative, als auf einem sehr guten fachlichen Niveau weiterhin zu wachsen und unserem Versorgungsauftrag nachzukommen.
Dr. Daniel Wichels: Wir von zahneins haben auch im Corona-Jahr unsere Strategie, den Verbund auszubauen und neue Partner aufzunehmen, weiterverfolgt. Im Laufe des Jahres haben wir eine ganze Reihe von Partnern und Standorten hinzugewonnen. Das Interesse der Zahnärzte ist nach wie vor ungebrochen und wir haben ganz klar das Ziel und den Wunsch, schnell weiter zu wachsen. Daran hat sich auch durch Corona nichts geändert.

dzw: Wie ist denn das Verhältnis von Praxis-Übernahmen zu Praxis-Neugründungen?

Franz Maier: Wir übernehmen gut strukturierte Praxen, die keinen geeigneten Nachfolger finden. Geeignete Nachfolger sind extrem schwer zu finden. Oft sind diese Praxen sehr groß – und man kann von einem Berufseinsteiger nicht erwarten, dass er schon in jungen Jahren über die notwendigen Managementfähigkeiten für einen über Jahre gewachsenen Großbetrieb verfügt.
Dr. Jörn Thiemer: Ein Berufseinsteiger, der frisch von der Uni kommt, kann auch nicht mehr so einfach zur Bank gehen, um nach einem Kredit von zwei Millionen Euro und mehr zu fragen. Es geht also nicht um Verdrängung anderer Praxen, sondern um die Übernahme von Praxen, die es schon länger gibt und die eine Größe erreicht haben, bei der sie nur schwer eine passende oder überhaupt keine Nachfolge finden.

dzw: Zahnärzte sehen in Ihnen also – anders als die Standespolitik – kein Feindbild?

Dr. Jörn Thiemer: Wir müssen wegkommen von dieser ideologischen Diskussion. Es gibt viele Formen der Kooperation, viele Modelle, die sehr gut nebeneinander existieren können, ohne dass jemand einem anderen etwas wegnimmt. Im Gegenteil: Wir müssen erreichen, dass die zahnmedizinische Versorgung dauerhaft und flächendeckend gewährleistet und sichergestellt ist. Hinter jeder Praxisübernahme gibt es einen Geldgeber. Da spielt es keine Rolle, ob das eine Bank ist oder eben ein anderes Unternehmen. Natürlich ist das kein rein philanthropisches Geschäft. Wir alle wollen Geld verdienen, das ist doch völlig klar, und wer etwas anderes sagt, der sagt eben nicht ganz die Wahrheit. Wir sollten das ganz frei von Ideologie betrachten. Wir leisten mit jeder unserer Praxen einen wichtigen Beitrag für die flächendeckende zahnärztliche Versorgung in ganz Deutschland, wir haben eben nur ein anderes Finanzierungsmodell. Letztlich steht das aber alles gleichberechtigt nebeneinander.
Franz Maier: Die Herausforderung einer gesicherten und flächendeckenden zahnärztlichen Versorgung in ganz Deutschland können wir in Zukunft nur im Team mit den Körperschaften, den Vereinen und auch den Verbänden meistern. Bei einer so großen und wichtigen Aufgabe sollte das Miteinander und nicht das Gegeneinander im Vordergrund stehen.
dzw: Wie repräsentativ ist die Datengrundlage Ihres Gutachtens?
Dr. Daniel Wichels: Es haben 24 Praxen an der Befragung teilgenommen. Das sind rund zehn Prozent aller IZMVZ. Insofern ist das schon eine sehr gute Stichprobe, die statistisch auch valide ist. Unter diesen 24 Praxen sind auch sehr große dabei, mit mehreren Standorten. Die Leistungsfälle, die dem Gutachten des Wirtschaftsforschungsinstituts WifOR zugrunde liegen, stammen von mehr als 260.000 Patienten – die Daten insgesamt sogar von mehr als 450.000 Leistungsfällen, die abgerechnet wurden. Das sind Zahlen in einer Größenordnung, die statistisch sehr aussagekräftig ist.

dzw: Die zugrunde liegenden Zahlen stammen aus je zwei Quartalen vor dem Investoren-Einstieg und zwei darauffolgenden Quartalen. Ist das nicht ein etwas knapper Beobachtungszeitraum?

Franz Maier: Das ist eine methodische Entscheidung, die wir treffen mussten. Erst seit 2015 ist es möglich, professionelle IZMVZ zu gründen. Viele unserer Praxen sind ja noch nicht so lange in einem solchen Verbund. Wir haben die Experten – die Mathematiker und Statistiker – gefragt, welche Daten die beste Grundlage für eine statistisch signifikante und entsprechend aussagekräftige Analyse bilden könnten und haben uns dann für das vorliegende Studiendesign entschieden. Wir als professionelle Investoren haben eine einzigartige Situation, die niemand sonst haben kann, weil wir Zeiträume und Standorte vor und nach der Übernahme direkt miteinander vergleichen können.
Diese Zeiträume sind entscheidend für eine signifikante Aussage. Damit ist die vorliegende Datenanalyse ein wichtiger Beitrag zur politischen und auch zur fachlichen Diskussion. Wir sehen in ihr den Startpunkt für weitere Analysen. Und wir stimmen dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) und den zentralen Aussagen seines Gutachtens uneingeschränkt zu, dass professionelle Betreiber von I-MVZ einen wichtigen Beitrag zur Versorgung in Deutschland leisten können und werden. Wichtig in der aktuellen Diskussion ist doch, dass es bislang überhaupt keinen Anhaltspunkt dafür gibt, dass sich die Versorgung in professionell geführten MVZ von der in anderen Praxisformen unterscheidet. Es ist ja auch aufgezeigt worden, dass die räumliche Verteilung der von Investoren geführten zahnmedizinischen Versorgungszentren (IZMVZ) der strukturellen Verteilung der Bevölkerung in Deutschland entspricht.

dzw: Letzteres klingt im IGES-Gutachten allerdings anders. Hiernach leben 32 Prozent der Bevölkerung im ländlichen Bereich, IZMVZ sind dort aber nur mit 24 Prozent vertreten …

Franz Maier: Nach unserer Analyse ist es so, dass wir 20 Prozent der untersuchten ZMVZ genau da im ländlichen Bereich haben, wo 22 Prozent der Bevölkerung leben. Es kann also gar keine Rede davon sein, dass wir den ländlichen Raum vernachlässigen. Wir übernehmen ja auch ausschließlich Praxen, die es bereits vorher gab. Es kommt also durch den Wechsel des Betreibers zu keiner Verschiebung der bisherigen Strukturen. Leider haben wir aber eine deutliche Reglementierung, was die Möglichkeiten zur Gründung von ZMVZ speziell in kleinen, ländlichen Planungsbereichen betrifft. Wir würden sehr gerne noch stärker in die Fläche investieren. Aber da kommen wir oft gar nicht rein, weil die starren Regelungen des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) genau das blockieren. Es wäre wichtig, dass diese Regelungen aus dem TSVG vom Gesetzgeber schnell geändert werden, damit wir in diesen, oft unterversorgten Bereichen einen noch stärkeren Beitrag zur ambulanten Versorgung leisten können. Wir sehen uns mit dieser Kritik auch vom Bundesgesundheitsministerium bestärkt, weil ja in dessen Gutachten genau zu diesen Regelungen im TSVG deutliche verfassungsrechtliche Bedenken geäußert werden. Man sieht das dort also genauso kritisch wie wir.
Dr. Jörn Thiemer: Wir sind ja jetzt erst seit zwei oder drei Jahren in einem relevanten Umfang auf dem Markt und sind immer noch in einem ersten Strukturierungsprozess – und der beginnt in der Regel mit einer großen Praxis als Kern. Von diesem Punkt aus bauen wir dann rundherum kleinere Praxen auf. Wenn wir uns in fünf Jahren noch einmal sprechen, werden wir eine ganz andere Verteilung haben – mit einer deutlich breiteren Streuung.
Dr. Daniel Wichels: Wir als zahneins sind da eher ein Vorbild. Wir sind auf dem Land entstanden – in Ostfriesland, in einer sehr strukturschwachen Region. Wir haben quasi „den Landweg“ gewählt.
dzw: Warum kommt das Gutachten gerade jetzt?
Dr. Jörn Thiemer: Die Antwort ist relativ einfach. Wenn man von einer Seite ständig mit aus unserer Sicht unbegründeten negativen Aussagen bedacht wird, kann man entweder genauso reagieren oder man kann die Aussagen widerlegen. Und wie könnte das besser gehen als mit einem wissenschaftlichen Gutachten von einem anerkannten und unabhängigen Institut wie WifOR? Und neben den Gutachten, die die KZBV in Auftrag gegeben hat, gibt es ja auch noch das vom BMG beauftragte Gutachten, das in Bezug auf die I–MVZ und deren Bedeutung für die zahnärztliche Versorgung in Deutschland zu wesentlich positiveren Ergebnissen kommt.

dzw: Schauen wir auf die zentralen Ergebnisse: Unter „Behandlungsfreiheit“ steht, Zahnerhaltung, ZE und Implantologie fallen signifikant nach Investoreneintritt. Womit wird dies kompensiert?

Franz Maier: Durch einen gleichbleibenden Umsatz der anderen Bereiche. Das ist der erste Punkt. Zum zweiten haben wir einen starken Fokus auf der Vorsorge. Bei I-MVZ steigen beispielsweise die Prophylaxe-Leistungen, speziell ab der Übernahme durch professionelle Investoren. Die Kunst ist es natürlich, unsere Zahnärzte administrativ in hohem Maße zu entlasten, sodass sie sich verstärkt um zahnärztliche Tätigkeiten und damit um ihre originäre Aufgabe kümmern können. So funktioniert unser Geschäftsmodell – auch ohne Spitzen in hochwertigen Leistungen.
Dr. Jörn Thiemer: Es ist vielmehr eine Mischkalkulation über die Größe der Gruppe. Die kann eine Einzelpraxis so gar nicht darstellen. Wenn sich eine Praxis auf Implantate spezialisiert, ist alles darauf abgestellt. Wenn ich aber 50 Praxen in einem Verbund habe, kann ich viel besser nivellieren, und das führt dann in einer großen Gruppe zu diesem Rückgang.

dzw: Ist die typische Einzelpraxis mit einem ZMVZ vergleichbar?

Dr. Daniel Wichels: Das Gutachten der KZBV zeigt auf, dass es Unterschiede zwischen einer typischen Einzelpraxis und einem ZMVZ gibt. An den Stellen in diesem Gutachten, wo eine Aussage zu IZMVZ gemacht wird, wird betont, dass es auch bei den zahnärztlich geführten ZMVZ genau die gleichen Charakteristika und Ausschläge gibt. Hier stellt sich schon die Frage, welche Praxistypen man miteinander vergleicht und wie vergleichbar diese tatsächlich sind. Im Gutachten des IGES-Instituts wurde festgestellt, dass es innerhalb der Gruppe der ZMVZ, unabhängig vom Träger, überhaupt keine Unterschiede gibt. Das hat bei unserer weiter gehenden Analyse vor allem auch zu einer Schlüsselfrage geführt: Gibt es einen Unterschied vor und nach der Übernahme eines professionellen Investors? Und wie im IGES-Gutachten kommt auch das WifOR–Gutachten zu dem eindeutigen Schluss, dass es keinen Unterschied gibt.

Das Interview führten dzw-Chefredakteur Marc Oliver Pick und Dr. Helge David.

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