Zahntechnik

ZTM Achim Ludwig

Felsensprung - ins Leben

Über Gipfelerfahrungen, das Urgefühl und eine angstfreie Zukunft unterhielt sich Redakteurin Joanna Cornelsen mit Achim Ludwig auf Schloss Drachenburg.
Dr. Michael Stiel

Über Gipfelerfahrungen, das Urgefühl und eine angstfreie Zukunft unterhielt sich Redakteurin Joanna Cornelsen mit Achim Ludwig auf Schloss Drachenburg.

 

Das Leben verläuft meist nicht schnurgerade. Diese Erfahrung macht auch der erfolgreiche Zahntechnikermeister Achim Ludwig. Mitten im beruflichen Höhenflug zieht sein Körper die Notbremse. Ludwig nimmt sich eine lange Auszeit. Eines Tages ist er dann bereit für den „Sprung von der Klippe“.

Es passiert auf einer Autofahrt zu einem Kunden: Ludwig bekommt zum ersten Mal in seinem Leben Nasenbluten und staunt, wie viel „rote Suppe“ auf einer Drei-Kilometer-Strecke in ein weißes Hemd einsickern kann. Zwei Stunden später sitzt er beim Kardiologen. Die Schockdiagnose: Blutdruck 220 zu 115, akute Herzinfarktgefahr. Die Ursache: Stress.

„Labormanagement, Kundentermine, Kurse und Veranstaltungen mit Spitzenspeakern aus Zahnmedizin, Zahntechnik und Forschung… das war einfach zu viel“, sieht der Mitbegründer des Meckenheimer Labors Da Vinci Dental heute ein. „Irgendwann lief das Programm nur noch auf Hochtouren und eines Tages war der innere Server schlicht und einfach heiß gelaufen.“

Hinzu kam die Hochsensibilität, die erst mit dem körperlichen Absturz diagnostiziert wurde. „Dass ich hochsensibel bin und mein Gehirn mehr und schneller aufnimmt und verarbeitet als bei normal sensiblen Menschen, wusste ich vorher nicht. Dabei bin ich jahrelang wie ein Formel- 1-Wagen gerast, ohne zwischendurch in die Box zu fahren“, beschreibt er sein Leben vor der Krise.

Ludwig’s Körper erzwingt den längst überfälligen Boxenstopp. Der damals 53-Jährige nimmt die Warnsignale zum Glück ernst. Im entscheidenden Augenblick erkennt er auch die Hochsensibilität als Gabe an und wandelt sie in positive Energie um.

Neues Leben, neues Glück – nach seiner Krise hat sich Ludwig entschieden, Coaching und In-house-Schulungen auch für ganze Teams anzubieten. Heute sagt er: "Hochsensibilität kann ein Segen sein. Meine Begeisterung für die Ästhetiklehre und das Schulen haben sicherlich viel damit zu tun."
Dr. Michael Stiel

Neues Leben, neues Glück – nach seiner Krise hat sich Ludwig entschieden, Coaching und In-house-Schulungen auch für ganze Teams anzubieten. Heute sagt er: "Hochsensibilität kann ein Segen sein. Meine Begeisterung für die Ästhetiklehre und das Schulen haben sicherlich viel damit zu tun."

Ausgebremst

Doch das radikale Umdenken passiert nicht von heute auf morgen. „Ich nahm mir erstmal eine mehrmonatige Auszeit und verbrachte viel Zeit in Wäldern“, erinnert sich Ludwig. Bewusst macht er große anstatt vieler hektischer Schritte. Er bestimmt das Tempo. „Ich wusste, dass ich eine Entscheidung treffen muss“, sagt er heute. „Ich habe viel nachgedacht und irgendwann einen auf Hochsensibilität spezialisierten Berufscoach aufgesucht. Ziemlich schnell war es klar, dass ich aus dem Hamsterrad und dem Labor in Meckenheim aussteigen muss.“

Kompletter Neustart mit 53 Jahren? Ludwig hat viele schlaflose Nächte voller Panik erlebt. Doch irgendwann spürt er neue Kraft. Anfang 2018 ist er soweit: Er fasst einen Entschluss und verlässt das florierende und international anerkannte Meckenheimer Dentallabor. „Es war der schwierigste Schritt in meinem Leben, weil das Labor mein Baby war“, gibt Ludwig zu.

1994 gründet er zusammen mit dem Mailänder Zahntechniker Massimiliano Trombin ein Fachlabor für Gold- und Keramikrestaurationen. Damals geht der gemeinsame Traum, Zahntechnik als Kunstform zu praktizieren, in Erfüllung. Lediglich zwei Jahre später machen sich die beiden Jungunternehmer mit einer Performance aus Rockmusik und Zahntechnik in Sand in Taufers einen Namen. Die „Da Vinci’s Rhapsodie“ und das einmalige Ästhetikkonzept sprechen sich rasch über die Grenzen der Republik hinaus herum. 1997 eröffnen die „Da Vincis“ das Schulungslabor „Da Vinci Creativ“ – eine Fortbildungsstätte für Zahntechniker und Zahnärzte aus aller Welt. Im Folgejahr stellen sie ihre „Da Vinci Majesthetik-Krone“ vor und wenig später wird die Bezeichnung „Majesthetik“ als ein eingetragenes Markenzeichen registriert.

Im Jahr 2005 folgt ein weiterer Meilenstein – beim III. Da Vinci Creativ-Fortbildungsseminar werden die ersten „Majesthetischen Zerifikate“ verliehen. Innerhalb kurzer Zeit legen sie einen Senkrechtstart hin und werden eines der populärsten Dentallabore in Deutschland.

Anders

Dass er anders tickt als die meisten anderen in seinem Umfeld, spürt Ludwig schon als Kind. „Ich fand die Schule doof, weil ich dort lernen musste, was mich nicht interessierte“, sagt der zweifache Familienvater. „Der Großteil dessen, was in der Schule gelehrt wird, ist totaler Blödsinn. Wir lernen nicht, zu meditieren und unsere Gedanken richtig zu benutzen. Wir sind blockiert, ständig erreichbar und abgelenkt, können nicht zuhören und wir selbst sein“, fügt er hinzu.

Die Macher im Musikprojekt LAV: Achim Ludwig und Dr. Michael Stiel (rechts)
ZTM Christoph Schulz

Die Macher im Musikprojekt LAV: Achim Ludwig und Dr. Michael Stiel (rechts)

 

Eines weiß Ludwig sehr früh – dass er so schnell wie es geht weg will von der Schule und etwas mit seinen Händen machen möchte. Die frühe Begegnung mit einem Zahntechniker ist für ihn wie ein Segen: „Als ich acht Jahre alt war, habe ich mit meinem Bruder zusammen seinen Freund in seinem Dentallabor besucht. Damals hatte ich noch keine Vorstellung davon, was Zahntechnik ist, war aber zutiefst beeindruckt vom Rekonstruieren und Nachbauen von etwas Natürlichem.“ Nach dem Abitur bietet ihm ein Freund seines Vaters eine Ausbildungsstelle in seinem Dentallabor an. Ludwig muss nicht mehr dem schulischen Leistungsdruck folgen und kann endlich das tun, was er möchte.

„Schon sehr früh habe ich mich mit Keramik auseinandergesetzt und wollte ein bisschen mehr daraus machen. In einer Zeitung bin ich auf einen Artikel über die Freiburger Meisterschule gestoßen. Ein Jahr lang habe ich dann die Schule besucht und dort eine ganz andere Zahntechnik kennengelernt, bei der es um Ästhetik geht. Präzision und Passung waren dort eine Voraussetzung.“ Danach wird der Wunsch, sich selbstständig zu machen, noch größer. Ludwig trifft Massimiliano Trombin, der genauso denkt, wie er selbst. Ist es Zufall? Oder eine weitere Fügung?

Autark

„Im Labor habe ich jahrelang Höchstleistungen erbracht und mich dabei komplett verausgabt. Doch wenn man auf dem Holzweg ist, gibt einem das Leben ein Zeichen und dann ist es ok, getrennte Wege zu gehen“, sagt Ludwig. Mit seinem Coach an der Seite feilt er an seinem neuen Lebensentwurf. Er entscheidet sich, die bereits etablierte majesthetische Ausbildung für Zahntechniker weiterhin anzubieten und zu verfeinern, und gründet das Majesthetic Centrum Deutschland.

Warum Notenschlüssel als Manschettenknöpfe? Musik macht Ludwig seit jeher. Die eigene Band begleitet musikalisch unter anderem seine Podcasts, die er zusammen mit ZTM Claudia Füssenich produziert.
ZTM Christoph Schulz

Warum Notenschlüssel als Manschettenknöpfe? Musik macht Ludwig seit jeher. Die eigene Band begleitet musikalisch unter anderem seine Podcasts, die er zusammen mit ZTM Claudia Füssenich produziert.

 

Seinem großen Vorbild – Leonardo Da Vinci – folgend, wendet er „ein sehr einfaches System“ an. Er ist überzeugt, dass Dinge einfach und mühelos sind, wenn man sie von der richtigen Seite angeht. „Manche Teilnehmer sind verblüfft, was man so alles mit den drei Massen Dentin, Schneide und Transpa machen kann“, sagt er. „Allein durch die Form, Oberfläche und Schichttechnik kann man doch so viel erreichen.“

Darüber hinaus möchte Ludwig den Ästhetikgedanken über die Grenzen der Branche hinaus tragen. Schon heute nehmen an seinen Ästhetikseminaren nicht nur Zahntechniker, sondern ab und zu auch Zahnärzte, Designer, Coaches und Künstler teil. Sie alle verbindet das Bedürfnis, den kreativen Moment in seiner Vollkommenheit zu erleben und „Ästhetik als das Urgefühl des Menschseins“ wiederzuerlangen. „In diesem Zustand befinden sich Kinder, wenn sie im Spielen versinken“, erklärt der Ästhetiklehrer. „Kinder können sich stundenlang mit einer Sache beschäftigen und sind dabei dauerhaft glücklich. Erwachsene hingegen sehen etwas Schönes und nehmen es – wenn überhaupt – nur kurz wahr. Doch dann schaltet sich der Verstand ein und etikettiert das Schöne. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir dieses Urgefühl, mit dem uns Kinder beeindrucken, wiedererlangen können.“

Rudraksha – eine indische Heilfrucht voller symbolischer Kraft, begleitet Ludwig auf seinem neuen Lebensweg.
ZTM Christoph Schulz

Rudraksha – eine indische Heilfrucht voller symbolischer Kraft, begleitet Ludwig auf seinem neuen Lebensweg.

 

Verändert

Schwarzer Hut, weißes Hemd, Notenschlüssel als Manschettenknöpfe – auf den ersten Blick sieht Ludwig aus wie früher. Nur der Anhänger, den er immer am Hals trägt, ist jetzt ein anderer. Der Steinring, der auf Anraten einer Patientin seinerzeit dringend energetisch aufgeladen werden sollte, wurde durch Rudraksha ersetzt – eine getrocknete indische Heilfrucht, die für Ruhe und Selbstvertrauen steht.

„Wer am Abgrund steht und nicht weiter weiß, braucht vor allem eins: den Mut, zu springen“, sagt Ludwig. Danach, so der 54-Jährige, regele das Leben alles selbst. Man müsse in der Lage sein, alle Türen zu schließen, sich die eigene Wahrheit einzugestehen und sich zu fragen: Wer bin ich? Welche Stärken habe ich? Wo liegen meine Grenzen? Und sich immer die Frage stellen, ob man seinen Stempel unter die Dinge machen kann, die man tut.

 

"Im Leben gibt es keine Zufälle", sagte Ludwig im Frühjahr 2019 in der Bonner dzw-Redaktion.
dzw/Nina Eckardt

"Im Leben gibt es keine Zufälle", sagte Ludwig im Frühjahr 2019 in der Bonner dzw-Redaktion.

Ludwig ist überzeugt, dass es in seinem Leben immer die richtigen Begegnungen zum richtigen Zeitpunkt gab. „Es gibt keine Zufälle, sondern Fügungen“, sagt er. „Das Leben zeichnet unsere Pfade und fügt die Dinge zusammen. Man muss sich nur darauf einlassen.“

Joanna Cornelsen

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