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Gingivitis – das nächste große Ding?

Der Kommentar von Dr. Jan H. Koch

Die Europerio 10 bot wie gewohnt einen umfassenden wissenschaftlichen Überblick zu Parodontitis und Periimplantitis. Langsam wird klarer, warum das Erkrankungsrisiko individuell sehr unterschiedlich ist und nicht alle Patienten von einer Standardbehandlung profitieren. Stichworte sind Immunantwort, systemische Erkrankungen und Risikofaktoren wie Rauchen, Stress und ungünstige Ernährung. Relativ neu ist, dass Gingivitis als Vorstufe der Parodontitis bereits zu Knochenödemen und erhöhter systemischer Entzündung führen und damit einen signifikanten Krankheitswert haben kann (siehe Europerio-Bericht „Risikopatienten zunehmend im Fokus).

Nach der neuen PAR-Richtlinie soll eine Behandlung erst ab einem PSI-Wert 3 eingeleitet werden. Dieser entspricht einer manifesten – und damit nach aktuellem Stand irreversiblen – Parodontitis. Erforderlich ist aber nach dem oben Gesagten, bereits bei einem PSI-Wert von 2 thera­peutisch zu intervenieren (vgl. Paro-Pass). Bei vorhandenen Risikofaktoren könnte sogar bei PSI 1 eine professionelle Zahnreinigung mit gründ­licher Mundhygieneschulung und Aufklärung über Ursachen sinnvoll sein. Wichtig ist das auch in Bezug auf Karies und andere orale Erkrankungen wie Mundkrebs – und schließlich auf die mit diesen vielfältig verknüpfte „allgemeine“ Gesundheit.

Auch ökonomisch sinnvoll

Eine frühzeitige Behandlung der Gingivi­tis erscheint damit klinisch absolut angezeigt, auch wenn die Studienlage zum Effekt einer modernen professionellen Prophylaxe (vulgo PZR) bekanntermaßen nicht optimal ist. Eine kontrollierte Untersuchung von PZR- versus Non-PZR-Patienten ist ethisch kaum vertretbar und könnte allenfalls über (bisher kaum zugäng­liche) private und gesetzliche Versicherungsdaten erfolgen. Aufgrund der Literatur modellierte Daten zum ökonomischen Nutzen einer Gingivitis-Therapie diskutierte in Kopenhagen Ian Chapple, Mitautor eines 2021 im englischen Wirtschafts-Journal „The Economist“ publizierten Artikels [1].

Dabei zeigte sich ein sehr guter RoI für Kostenträger, aber auch eine hohe Zahl zusätzlicher gesunder Lebensjahre mit guter Lebensqualität für Patienten. Bezüglich der Kosten rangierte die Oralmedizin nach einer anderen Analyse in der EU 2015 mit 90 Milliarden Euro nur knapp hinter Diabetes und kardiovaskulären Erkrankungen auf Platz 3, die Folgekosten oraler Erkrankungen, etwa durch Arbeitsunfähigkeit, betragen weltweit 137 Milliarden Euro [1]. Nicht zu vergessen der soziale Aspekt: Viele Menschen auch in reichen Ländern können sich teure Reparaturzahnmedizin nicht leisten und würden besonders von besserer Prävention profitieren.

PZR bald auf Kasse?

Besonders der ökonomische Aspekt könnte bewirken, dass Versicherungsstrukturen und Politik umdenken – mit dem Ergebnis, dass die „PZR auf Kasse“ zumindest für Risikopa­tienten zum Standard wird. Das bisher meistgenannte Kostenargument erscheint durch die Economist-Studie zumindest fraglich. Ein Knackpunkt könnte jedoch der akute Mangel an Prophylaxe-Fach­kräften sein. Mittel- und langfristig erscheint es zudem sehr angebracht, über verhältnisbezogene Präventionsarbeit unsere Lebensweise in Richtung Gesundheit zu verändern.

Hier schließt sich der Kreis: Zucker ist ein wichtiger Treiber für Entzündung im Parodont und ganzen Körper, eine zuckerärmere Ernährung wäre entsprechend ein großer Schritt in Richtung Gesundheit. Ein Umdenken ist sicher auch in Bezug auf Rauchen, Stress und andere Risikofaktoren notwendig. Wird ein solcher Kulturwandel durch eine Institution Mundgesundheit moderiert, kann er die orale Prophylaxe in der täglichen Praxis sinnvoll unter­stützen und ergänzen.

[1] Bouchard P, et al. Time to take gum disease seriously. The societal and economic impact of periodontitis. The Economist Intelligence Unit. 2021.