Zahntechnik

Corona

Have a break – have a chance?!

Die Corona-Krise lässt viele Unternehmen verzweifeln, hier nehmen die Existenzängste wohl den größten Raum ein. Das man der jetzigen Situation eventuell auch etwas Positives abgewinnen kann, ist schwer vorstellbar.
So hat sich Claudia Hilbertz, die sich in ihrem beruflichen Alltag normalerweise mit zukunftsweisenden Veränderungsprozessen in Unternehmen beschäftigt, in der aktuellen Corona-Situation aufgemacht, um die Stimmen ihrer Kunden einzufangen. Sie macht ihnen Mut und will damit anderen Unternehmen zeigen, dass die persönliche Einstellung darüber entscheidet, ob sich die Corona-Situation ausschließlich zu einer Krise entwickelt oder nicht. Denn vielleicht bietet sich gerade jetzt die Chance zur Reflektion und Entwicklung.

jirsak / stock.adobe.com

Nachdem bereits die Sicht eines Zahnärzte-Ehepaars eingefangen wurde, haben sich nun die Inhaber von zwei Dentallaboren zu Wort gemeldet:

Das erste Labor wird von Julia Schlee geführt. Sie ist Zahntechnikermeisterin und PSK-Dental-Ästhe­tikerin aus Kalkar. Seit zwölf Jahren ist sie nun selbstständig und seit zwei Jahren befindet sich ihr Labor in ländlicher Umgebung auf dem Golfclub Mühlenhof. Mit ihren Zahnarztpraxen arbeitet sie sehr intensiv und beratend am Patienten, ihr Leitbild ist hier stets: „Zwei Stühle, zwei Menschen und Zeit“, womit sie dem Trend, dass Zahnersatz als Ware betrachtet wird, bewusst entgegenwirken möchte. Zurzeit arbeitet Julia Schlee alleine, wobei für sie die Ausbildung von Azubis einen hohen Stellenwert hat.

Julia Schlee
Schlee Dental

Das zweite Dentallabor firmiert unter dem Namen Plumanns und Enders seit 1986 in Düsseldorf. Bis 2019 haben Rolf Plumanns und Michael Enders das Labor zusammen geleitet und waren von Anfang an innovativ unterwegs. Sie hatten als eines der ersten Labore ein CAD/CAM-System und waren somit Vorreiter, was den digitalen Workflow angeht. Rolf Plumanns ist im Jahr 2019 ausgestiegen und die bisherige Laborleiterin Anja Nozinski, die Expertin für Funktionelle und Ästhetische Zahntechnik ist, wurde zur Mitinhaberin. Zusammen mit Michael Enders und dem 12-köpfigen Team versuchen sie nun, die Schwerpunkte, für die das Labor steht, auszuarbeiten.
Dank der beiden völlig verschieden aufgestellten Dentallabore hat man nun die Möglichkeit, die Auswirkung von Corona innerhalb einer Branche aus zwei Blickwinkeln zu sehen. Das Interview führte Claudia Hilbertz.

Anja Nozinski und Michael Enders
Dentallabor Plumanns und Enders

Wie wirkt sich die Corona-Situation konkret auf Ihr Tagesgeschäft aus? Gibt es Einbußen?


Julia Schlee: Ja, unsere Branche ist definitiv betroffen, es wirkt sich jedoch in jedem Labor anders aus. Die Folgeaufträge werden definitiv weniger, da sich die Situation in den Zahnarztpraxen täglich ändert. Ich bleibe optimistisch und nutze die Zeit, um große Arbeiten fertigzustellen. Zudem habe ich Glück, da meine Kunden schon immer mit höchsten Hygienestufen gearbeitet haben.


Anja Nozinski: Unser Labor liegt ebenerdig, und es kommt quasi niemand mehr hinein. Pakete etc. werden draußen abgestellt. Wir haben unsere Desinfektionsschleuse intensiviert, und es gibt konsequente Eingangs- und Ausgangsdesinfektionen. Wir haben unsere Mitarbeiter weiter auseinandergesetzt und versuchen, eher parallel miteinander zu sprechen als face to face. Existenzängste habe ich nicht, weil ich mit Michael einen starken Partner mit viel Erfahrung an meiner Seite habe.

Michael Enders: Einbußen hat jeder. Am Anfang gab es wöchentliche Stimmungsschwankungen. Zunächst Hysterie und Panik, jetzt eher ein Abwarten. Wir konnten die Zeit nutzen, um Aufträge abzuarbeiten, jetzt tröpfelt es so vor sich hin. Man kann nur von Tag zu Tag planen. Wir haben trotz der vielen Mitarbeiter das Glück, den Rettungsschirm nicht in Anspruch nehmen zu müssen, da wir immer darauf geachtet haben, Rücklagen zu haben. 

In Krisenzeiten spielt Gemeinschaft oft eine sehr wichtige Rolle. Finden die Zahntechniker durch die Innung eine konkrete Unterstützung?


Schlee: Ich engagiere mich seit dem ersten Tag meiner Selbstständigkeit im Berufsverband der Innung Münster. Seit drei Jahren bin ich dort im Vorstand aktiv. Aufgrund meines Umzugs werde ich zu der Innung nach Düsseldorf wechseln, mit der ich schon im aktiven Austausch bin. Für mich ist die Innung sehr wichtig, da ich die Kommunikation mit Kollegen unumgänglich finde. Ich bin eine Netzwerkerin, und die Innung unterstützt mich hier.
Gerade jetzt bekommen wir täglich die wichtigsten Corona-Infos. Ich fühle mich bei der Innung, egal ob Münster oder Düsseldorf, wirklich gut aufgehoben. Schade finde ich, dass sich einige Kollegen die freiwillige Mitgliedschaft sparen, denn Solidarität macht stark. Wir novellieren zum Beispiel gerade unser Berufsbild und die Meisterprüfung, um uns für die Zukunft besser aufzustellen. Da können wir, unabhängig von Corona, jede Unterstützung gebrauchen.

Enders: Zum Thema Innung in Düsseldorf möchte ich nur sagen: Zehn Daumen hoch! Und das nicht erst seit Corona! Da ich mehr als 40 Jahre im Beruf bin, tausche ich mich aber auch unabhängig von der Innung ständig mit Kollegen aus. Man muss hier proaktiv sein, um zum Beispiel technische Fragen zu klären. Das hat jeder selbst in der Hand.

Nozinski: Der Geschäftsführer der Innung Düsseldorf, Michael Knittel, bringt sich super ein. Wir werden bestens informiert und können nur dankbar sein! Herr Knittel steht uns immer mit Rat und Tat zur Seite.

Das ist erfreulich zu hören. Wie gehen Sie denn konkret mit dem „Mehr“ an Zeit um, das durch die Corona-Einschränkungen entsteht?


Schlee: Ich fühle mich ein bisschen atypisch wie in Zeitlupe: Wir Zahntechniker arbeiten nicht selten mehr als zwölf Stunden pro Tag und geben immer 150 Prozent. Jetzt kommt es quasi zu einer „Zwangspause“, die ich persönlich dazu nutze, mein Unternehmen auf seine Werte zu überprüfen, zum Beispiel: Kann ich intern oder extern etwas verbessern? Kann ich die Teambildung mit den Zahnmedizinischen Fachangestellten und den Behandlern vorantreiben?
Mehr Zeit bedeutet für mich konkret: Entwicklung, Bewegung, auch Reflektion im Privaten. Denn mein Mann, der mich im Bereich Büromanagement unterstützt, kommt leider oft zu kurz … Nun gibt es keine Ausreden mehr, warum man nicht ins Tun kommt.

Enders: Durch das vergangene Tagesgeschäft ist bei uns sehr viel Organisatorisches liegen geblieben. Wir nutzen die Zeit, um unser Investment in eine erweiterte digitale Kette zu etablieren, das bringt mir Entschleunigung. Ich begrüße das und vielleicht bleibt davon ja sogar etwas in der Zukunft bestehen.

Nozinski: Da ich nicht mehr zu Außendienstterminen rausfahre, kann ich mich verstärkt im Labor einbringen. Aber auch mein Privatleben profitiert davon: Michael und ich sind auch privat in einer Partnerschaft, und vor zwei Wochen hatten wir das schönste Wochenende „ever“! Durch die Arbeit hatten wir seit neun Monaten kein gemeinsames Wochenende mehr frei. Ohne Corona müssten wir wohl immer noch hoffen, ein gemeinsames Wochenende verbringen zu dürfen …

Schlee: Ich habe das Gefühl, dass gute Dinge wie Loyalität oder Vertrauen sogar wachsen können. Es zeigt sich jetzt, auf wen man zählen kann. Mir ist es gerade jetzt wichtig, alles zu geben, um nach Corona gestärkt durchzustarten.

Das hört sich doch recht positiv an! Bitte ergänzen Sie die Aussage: „Corona als Chance, weil …“

Nozinski: … weil man Zeit hat, seine Werte zu überdenken, sich neu zu besinnen und über das Thema Wertschätzung nachzudenken. Wir rücken mehr mit unseren Kunden zusammen und kommunizieren viel, viel intensiver!

Enders: … weil man verkrustete Strukturen überdenken und verändern kann. Man hat ein Break vom Alltagsdruck.

Schlee: … weil bestimmt intensiver über das Thema Auslandszahnersatz nachgedacht wird und im Idealfall die Versorgungsketten zurück nach Deutschland kommen. Und: … weil die Bindung zwischen Zahnarzt, Zahntechniker und Patienten durch gute Gespräche und qualitätsbewussteres Handeln intensiviert wird.

Das ist ein schönes Schlusswort! Ich bedanke mich für das offene Gespräch und hoffe, dass wir alle gesund und motiviert bleiben.

Zur Autorin 
Die Dipl.-Ing., Dipl.-Wirtschafts-Ing. Claudia Hilbertz ist Gründerin und Inhaberin der Akademie Life Balance in Bocholt. Hier berät Sie zusammen mit ihren interdisziplinären Netzwerkpartnern branchenunabhängig Unternehmen bei Veränderungsprozessen zur Zukunfts- und Wettbewerbssicherung. Ein Großteil ihrer Kunden kommt aus dem Gesundheitssektor. Zudem ist sie als Referentin in Düsseldorf bei den Dental-Dialogen und Anfang März beim AUZ (Arbeitskreis Umfassende Zahnheilkunde) in Bocholt zu sehen gewesen. Wichtig: Bis zu 80 % der Beratungsleistungen von Claudia Hilbertz werden subventioniert, da sie für unterschiedliche Förderprogramme akkreditiert ist.

Weitere Artikel