Fortbildung

Kinderzahnmedizin

„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen …“

Prof. Dr. Stefan Zimmer
dzw

Prof. Dr. Stefan Zimmer, Wissenschaftlicher Leiter und Referent des Curriculums Kinderzahnheilkunde an der Haranni Academie

Wenn im März das nächste Curriculum Kinderzahnmedizin an der Haranni Academie in Herne startet, ist Prof. Dr. Stefan Zimmer, Universität Witten/Herdecke, sowohl in seiner Position als Wissenschaftlicher Leiter als auch als Referent wieder sehr gefragt. Im dzw-Interview gibt er Einblick in die Zielsetzung und Organisation des Curriculums.

DZW: Herr Prof. Zimmer, seit wann haben Sie die wissenschaftliche Leitung des Curriculums Kinderzahnmedizin der Haranni Academie inne und was waren seinerzeit die Beweggründe, ein eigenes Curriculum zu diesem Thema aufzusetzen?

Prof. Dr. Stefan Zimmer: Ich glaube, das erste Curriculum unter meiner Leitung fand im Jahre 2008 statt. Ein Beweggrund gehört zu meinem Standard-Repertoire: Ich versuche jede Chance, etwas Nützliches gestalten zu können, zu nutzen.

Beim Thema Kinderzahnmedizin hat mich besonders gereizt, dass es sich um ein Fach handelt, das in Deutschland nicht den Stellenwert besitzt, der ihm gebührt. Dabei ist die Kinderzahnmedizin als Querschnittsthema nicht nur interessant, sondern auch enorm wichtig. Im Kindesalter werden Grundlagen für das gesamte Leben gelegt, das gilt auch für die Zahngesundheit. Natürlich muss vor allem präventives Verhalten etabliert werden, aber im Kindesalter wird auch die Grundlage für eine lebenslange Arzt-Patientenbeziehung gelegt. Denken Sie nur an die vielen Angstpatienten, die wir in der Zahnmedizin haben. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 15 Prozent der Bevölkerung eine pathologische Zahnarztangst haben. Die Gründe hierfür liegen häufig in Erfahrungen, die im Kindesalter in der Zahnbehandlung gemacht wurden. Allein schon das kann Grund genug sein, sich mit Kinderzahnmedizin zu befassen.

Aber wir sehen außerdem nach wie einen hohen Präventionsbedarf im Milchgebiss, denken Sie nur an das Problem der Frühkindlichen Karies, und die Versorgungsrate im Milchgebiss ist weiterhin schlecht. Beides zieht vielfältige Folgen für das gesunde Aufwachsen von Kindern nach sich. Denken Sie an das Gesichtswachstum, die Sprachentwicklung, die psychische Entwicklung mit der Bildung von Selbstbewusstsein, aber auch die Kaufunktion, die das Milchgebiss gewährleisten muss. Und außerdem sollten auch Kinder keine unnötigen Zahnschmerzen haben. Eine der Folgen habe ich bereits erwähnt: Eine möglicherweise lebenslang schwierige Arzt-Patientenbeziehung. In den vergangenen Jahren ist das Problem der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation immer größer geworden. Es ist enorm wichtig, diese korrekt zu diagnostizieren, die Begleiterscheinungen zu kennen und die Langzeitprognose realistisch einschätzen zu können.

Was sind die Schwerpunkte des Curriculums?

Das Curriculum Kinderzahnmedizin ist ja nicht das einzige seiner Art in Deutschland. Also sollte es ein besonderes Profil haben. Zwei Elemente waren mir damals wichtig. Erstens sollte es ein Curriculum vor allem für junge Zahnärztinnen und Zahnärzte sein, die mit der Kinderzahnmedizin noch nicht viel Erfahrung gesammelt haben. Zweitens sollte es einen Kollegenkreis ansprechen, der nicht die Absicht hat, eine reine Kinderzahnarztpraxis zu betreiben, sondern auch Kinder in einer Familienpraxis behandeln möchte.

Da der Unterricht in Kinderzahnmedizin während des Studiums in Deutschland sehr inhomogen ist, es gibt Unis mit eigenen Abteilungen für Kinderzahnmedizin und andere, in denen sich gar niemand dafür zuständig fühlt, dürfen wir einerseits nicht zu viel voraussetzen, müssen aber andererseits bei der Vermittlung der Grundlagen, wie beispielsweise der Prävention, auch für diejenigen, die bereits einen hohen Ausbildungsstand haben, einen Mehrwert generieren. Auch sie sollen ja etwas dazu lernen. Das ist eine sportliche Herausforderung. Die Integration der Kinderzahnmedizin in eine Familienpraxis erfordert neben der Vermittlung von Wissen und Können auch ein organisatorisches Konzept, wie ich das umsetzen kann. Beides versuchen wir in dem Curriculum zu realisieren. Da es das Curriculum nun schon über zehn Jahre gibt und die Nachfrage ungebrochen ist, glaube ich, dass uns das ganz gut gelingt.

Welches Modul betreuen Sie selbst?

Ich bezeichne mich selbst gerne als Präventivzahnmediziner, obwohl es diese Bezeichnung formal eigentlich gar nicht gibt. Jedenfalls liegt es auf der Hand, dass ich im Curriculum neben der Gesamtverantwortung vor allem für die Prävention zuständig bin. Da die Prävention aus meiner Sicht die Basis für jedes zahnmedizinische Handeln sein muss, weil sie die einzige kausale Maßnahme in unserem Fach ist, steht dieses Modul auch am Anfang der Curriculums.

Was sind die gängigen Schwierigkeiten bei der Behandlung von Kindern? Wo liegen aber auch die großen Chancen?

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie handeln nicht rational, sondern emotional. Man kann von ihnen keine Einsicht verlangen, dass eine anstehende unangenehme Behandlung die einzige Möglichkeit ist, die nun durchgestanden werden muss. Kinder denken immer, dass es irgendwie auch anders gehen kann, natürlich einfacher. Und allein schon die Chance, eine Behandlung aufzuschieben, ist für die verlockend, weil sie dann ihren zeitlichen Horizont verlässt. Kinder sind außerdem viel verletzlicher, ein einziger kurzer Schmerz kann schon dazu führen, dass keine weitere Behandlung mehr möglich ist. Und natürlich haben Kinder nicht viel Geduld, deshalb müssen Behandlungen kurz gehalten werden.

Wenn es keine anderen Gründe gäbe, wären allein dies Fakten für mich schon ausreichend, gerade bei Kindern vor allem auf die Prävention zu setzen. Dann kann man sich alles diese Probleme zum größten Teil ersparen, abgesehen von angeborenen Zahnschäden und Traumata natürlich. Die Chancen erfolgreicher Kinderbehandlung habe ich bereits genannt: Für das Kind ist es das gesunde Aufwachsen und für beide Partner, Kind und Zahnärztin oder Zahnarzt, die Chance einer lebenslangen angstfreien Arzt-Patientenbeziehung.

Sie haben zuletzt im Curriculum Umstrukturierungen vorgenommen. Was hat sich konkret geändert und wen konnten Sie gewinnen?

Natürlich muss man in zehn Jahren ein solches Curriculum an veränderte Bedürfnisse und medizinische Möglichkeiten anpassen. Wichtig war mir, das Thema Lachgas in das Curriculum einzubringen, weil es eine einfache risikoarme Möglichkeit der Sedierung darstellt. Dafür konnten wir den renommierten Anästhesisten Dr. Frank Mathers als Referenten gewinnen. Er hat in Chicago, München und Bonn Medizin studiert und in Bonn auch seine Weiterbildung zum Anästhesisten absolviert. Dr. Mathers unterrichtet das komplette Thema der Anästhesie und Narkose von der Lokalanästhesie über die Sedierung bis zur Vollnarkose. Außerdem übernimmt er das Notfallmanagement.

Das Thema Entwicklungspsychologie und psychologische Behandlungsführung hat Frau Dr. Singh-Hüsgen. Sie war bereits im Curriculum tätig und hat diesen zusätzlichen Part übernommen. Sie hat an der Universität Liverpool Kinderzahnmedizin studiert und arbeitet derzeit als Oberärztin für Kinderzahnmedizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Auch sie ist eine sehr renommierte Referentin mit einem enormen praktischen Erfahrungsschatz.

Last but not least konnten wir Frau Drs. Johanna Kant für unser Team gewinnen. Sie ist gebürtige Niederländerin und hat in Nimwegen Zahnmedizin studiert. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet sie in eigener Praxis in Oldenburg mit den Schwerpunkten Kinderzahnmedizin und Prophylaxe. Ich denke, dass kaum jemand in Deutschland besser über das Thema der Organisation der Kinderbehandlung in der Praxis referieren kann.

Was ist der besondere Benefit für die Teilnehmer?

Das Wichtigste an jedem Curriculum sind die Referenten. Ich bin stolz darauf, dass wir für unser Curriculum renommierte und erfahrene Dozenten gewinnen konnten. Wichtig ist mir dabei, dass sie nicht nur theoretisch auf der Höhe des Wissens sind, sondern auch ein hohes Maß an praktischer Erfahrung mitbringen. Bei unseren Referenten, die an der Universität lehren, profitieren die Teilnehmer des Curriculums davon, dass sie am Puls der Forschung sind und in aller Regel auch selbst intensiv Forschung auf ihrem Spezialgebiet betreiben. Sie alle zusammen sind der Garant dafür, dass sie am Ende das bekommen, wofür wir das Curriculum anbieten: Eine mehr als solide Basis für die Behandlung von Kindern in der Praxis.


Curriculum Kinderzahnmedizin

Ort: Haranni Academie, Herne
Start: 14. März 2020 oder 31. Oktober 2020
Ende: 29. August 2020 oder 20. Februar 2021

Weitere Informationen und Anmeldung im Netz oder telefonisch unter (02323) 94 68 300.

Prof. Dr. Stefan Zimmer

Prof. Dr. Stefan Zimmer

Lehrstuhlinhaber für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin an der Universität Witten/Herdecke, Sprecher der Informationsstelle für Kariesprophylaxe

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