ZahnMedizin kompakt

November 2019

Neues aus der Forschung

Neues_Wissenschaft
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Jeden Monat werden viele Hundert oralmedizinische Studien publiziert. Hier eine kleine Auswahl, diesmal zu den Themen: Zirkonoxid-Abutments, präoperative Antibiose, E-Zigaretten und Parodontitis, Vitamin-D-Mangel und frühkindliche Karies.

Prosthodontics_Journal
Quintessenz

Zirkonoxid-Abutments anfällig

Individuelle Zirkonoxid-Abutments zur Versorgung von Einzelimplantaten hatten in einer randomisierten Studie nach drei Jahren eine technische Komplikationsrate von 11 Prozent (34 Patienten/Kronen) [1]. Es gab nur drei Komplikationen: eine Abutmentfraktur und eine kleinere Abplatzung bei den verschraubten und eine größere Abplatzung bei den zementierten Kronen. Allerdings wurden in einer Studie derselben Arbeitsgruppe (Universität Zürich) bei verschraubten Kronen ähnliche Werte gefunden [2]. Auch hier war die Fallzahl gering. Beim marginalen Knochenabbau gab es in der ersten Studie ebenfalls keine signifikanten Unterschiede zwischen beiden Befestigungsarten [1].

Der Verlust war mit im Mittel 0,1 mm sehr gering. Keine bedeutungsvollen Differenzen zwischen beiden Befestigungsarten wurden auch in einer anderen prospektiv geplanten Studie nach acht Jahren gefunden [3]. Hier wurden zahnlose Kiefer mit insgesamt 192 Implantaten auf konfektionierten Abutments versorgt. Der durchschnittliche Knochenabbau betrug 1,23 mm für zementierte und 1,01 mm für verschraubte Versorgungen.

Bis heute gibt es nur wenige Studien, die beide Befestigungsarten randomisiert vergleichen [4]. Nach aktuellem Stand sollten daher Entscheidungen sinnvollerweise primär nach klinischen Überlegungen getroffen werden [5].

Präoperative Antibiose am besten mit Amoxizillin

Um Resistenzen vorzubeugen, sollte mit Antibiotika nach wie vor verantwortungsvoll umgegangen werden. Andererseits kann eine einmalige präoperative Gabe das Komplikationsrisiko wirksam senken und damit eine mögliche längerfristige Antibiose vermeiden helfen. In einer systematischen Übersicht wird dies zum Beispiel für Implantatverluste festgestellt [6].

Als wirksamste Methode erwies sich demnach eine Gabe von 3 Gramm Amoxizillin eine Stunde präoperativ. Postoperative Gaben seien dagegen nicht gerechtfertigt. Auch für die präoperative antibiotische Abschirmung vor operativen Eingriffen zur Vermeidung einer Bakteriämie kann die orale Gabe von 3 g Amoxizillin angezeigt sein [7].

Eine aktuelle Metaanalyse (Auswertung systematischer Reviews) kommt zu dem Ergebnis, dass alternativ 1 g Amoxizillin/0,2 g Clavulansäure intravenös gegeben werden kann. Für keine der beiden Protokolle wurden laut Studie schwere Zwischenfälle (Tod, anaphylaktischer Schock, Resistenzentwicklung) registriert, wobei man zumindest beim letzten Punkt skeptisch sein darf.

E-Zigaretten erhöhen wahrscheinlich Parodontitisrisiko

Raucher von E-Zigaretten könnten ein ähnlich hohes Parodontitisrisiko haben wie Raucher konventioneller Zigaretten. Eine Querschnittsstudie aus Korea zeigte für „Vaper“ einen Anteil von 35,8 Prozent für Männer und 28,6 Prozent für Frauen [8]. Bei den konventionellen Rauchern waren es 44 und 35,3 Prozent, wobei sehr viel mehr konventionelle Raucher erfasst wurden.

Neben Parodontitis war auch das Risiko für Zahnverluste, Zahnschmerzen und Karies erhöht. Demographische, sozioökonomische und nicht-dentale gesundheitsbezogene Parameter wurden in der statistischen Auswertung berücksichtigt [8]. Die Autoren folgern entsprechend, dass E-Zigaretten wahrscheinlich keine sichere Alternative in Bezug auf die orale Gesundheit sind.
Als gemeinsamer Pathomechanismus könnten epigenetische Veränderungen, die durch Tabak-Verbrennungsprodukte getriggert werden, das Parodontitisrisiko erhöhen.

Eine genomweite Studie untersuchte Auswirkungen von Zigarettenrauch-Extrakt auf die Zell-DNA von Gingivafibroblasten [9]. Die Forscher fanden 12 relevante Genorte (Loki), darunter einen für Knochenabbau und einen weiteren, der mit der bakteriellen Immunantwort verknüpft ist. Epigenetische Vorgänge verändern, auf welche Weise Erbinformation ausgelesen und in den Zellstoffwechsel übersetzt wird.

Erhöhtes Risiko für frühkindliche Karies

Eine Studie mit Ureinwohnern in Alaska spricht dafür, dass eine niedrige Vitamin-D-Konzentration im Nabelschnurblut das Risiko für frühkindliche Karies erhöht [10]. Kleinkinder zwischen 12 und 35 Monaten, bei denen vor der Geburt ein Vitamin-D-Mangel festgestellt wurde, hatten ein doppelt so hohes Risiko wie Kinder mit normaler Konzentration. Bei älteren Kindern war der Unterschied nicht mehr signifikant. Die Autoren folgern, dass ein Vitamin-D-Mangel die pränatale Bildung der Milchzähne ungünstig beeinflusst.  

Hintergrund der Untersuchung ist die hohe Kariesrate bei Ureinwohnern. In Alaska hat sich die Ernährung verändert, Meeresfrüchte spielen eine viel geringere Rolle als traditionell üblich. Die Studie ist auch insofern interessant, als dass das am Kalziumstoffwechsel und Knochenaufbau beteiligte Vitamin D lange Zeit als kariespräventiv hoch bedeutsam gesehen wurde, seit den 1950er-Jahren aber  in der kariologischen Forschung immer weniger beachtet wurde [11]. Der Wirkstoff wird mit D-Fluoretten, vor allem von Kinderärzten, primär als Rachitis-Prophylaxe verschrieben. Auch im Zusammenhang mit MIH wird Vitamin D als ätiologischer Faktor diskutiert, wobei eine Rolle des Lichtmangels in modernen Gesellschaften nicht ausgeschlossen scheint (Schlussfolgerung des Autors dieser Kolumne).

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).


Literatur

[1] Heierle, L., et al.; Int J Prosthodont 2019. 32 (2): 174-176.
[2] Laass, A., et al.; Int J Periodontics Restorative Dent 2019. 39 (1): 17-27.
[3] Crespi, R., et al.; Int J Oral Maxillofac Implants 2014. 29 (6): 1406-1411.
[4] Koch, J. H.; dzw Orale Implantologie 2018. (3): 6-9.
[5] Gómez-Polo, M., et al.; Int J Prosthodont 2018. 31 (1): 43-54.
[6] Romandini, M., et al.; J Clin Periodontol 2019. 46 (3): 382-395.
[7] Zeng, B. S., et al.; Journal of Dental Research 2019. 98 (11): 1204-1210.
[8] Jeong, W., et al.; Journal of Periodontology, online 2019_07_29.
[9] Freitag-Wolf, S., et al.; Journal of Dental Research 2019. 98 (12): 1332-1339.
[10] Singleton, R., et al.; Journal of Dental Research 2019. 98 (5): 549-555.
[11] Hujoel, P. P.; Nutr Rev 2013. 71 (2): 88-97.


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