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„Zahnerhaltung“ ist ein Auslaufmodell

Der Kommentar von Dr. med. dent. Jan H. Koch

Wahrscheinlich war es kein Zufall: Der Präsident der endodontologischen Fachgesellschaft (DGET) begrüßte auf der DGZ-Jahrestagung seine restaurative Kollegin (DGR2Z) als Präsidentin der DGPZM, der für Prävention zuständigen Schwester-Organisation. Der ebenfalls auf der Bühne stehenden Präsidentin der (Dach-)Gesellschaft für Zahnerhaltung wäre das sicher nicht passiert. Das Versehen scheint aber symptomatisch für eine liebevoll gepflegte wie überholte Kleinstaaterei: Die orale ­Medizin umfasst ein undurchschaubares Organisationsgeflecht, mit Überschneidungen und Doppelbesetzungen – und ­ohne ätiologisch-wissenschaftliche Logik. Folge dürfte unter anderem eine weniger effektive Forschung und Lehre sein.

Die Struktur ist historisch gewachsen und lässt sich als Ausdruck einer bereichernden Vielfalt auffassen. So bot die DGZ-Tagung Ende November 2023 (LINK LINK LINK Seite 8 dieser Ausgabe) ein beeindruckendes ­Themenspektrum, mit hoch interessanten und relevanten Vorträgen. Was aber hat – medizinisch betrachtet – eine post-endodontische Teilkrone mit der Prävention oraler Mukositis bei immunsupprimierten Patienten zu tun? Die Antwort ist eindeutig („nichts“) und erklärt die eingangs ­erwähnte Verwirrung: Zähne erhalten wollen alle, allgemein und restaurativ ausgerichtete Oralmedizinerinnen, Endodontologen und sogar viele Implantologen.

Prävention statt Reparatur

Die Fächerstruktur hat sich im Laufe der Jahrzehnte durchaus weiterentwickelt. Neue pathogenetische Erkenntnisse haben zu überarbeiteten, kreativen Abteilungszuschnitten geführt, zum Beispiel „Parodontologie, Oralmedizin und Oralchirurgie“ an der Charité Berlin (Leiter: Prof. Dr. Henrik Dommisch). Wo also liegt das ­Problem? Der traditionelle Lehrstuhlzuschnitt ist vielerorts primär technisch-reparativ ausgerichtet. Und er ist von überholten Krankheitskonzepten bestimmt und zugleich auf veraltete, wirtschaftlich orientierte Praxisspezialisierungen ausgerichtet (zum Beispiel CMD plus Restauration, Kieferorthopädie ohne Funktion).

Eine neue oralmedizinische Fächerstruktur zu etablieren, ist eine komplexe Aufgabe und müsste immer wieder sinnvoll sich schnell verändernden Erkenntnissen angepasst werden [1]. Sie sollte viel stärker ätiologisch und zugleich präventiv aus­gerichtet sein als bisher. Und sie sollte in jedem Bereich auf die Vermeidung von Krankheiten fokussiert werden – auch im Dialog mit Institutionen der öffentlichen Gesundheitsförderung. Prävention ist in diesem Sinne kein eigenes Gebiet, sondern integraler Teil jeder Teildisziplin, mit allen ihren Unterstrukturen.

Ätiologie besser abbilden

Der Wandel müsste an den Universitäten ansetzen und dort – wie bisher und in der übrigen Medizin – Patientenversorgung und Forschung integrieren. Zu berücksichtigen wären dabei übergreifende ätiologische Faktoren, wie Dysbiose und ihre systemischen Verbindungen (Karies, Parodontitis, einige Schleimhauterkrankungen, vgl. Charité) oder angeborene und erworbene funktionelle Störungen (orofaziale Dysfunktionen, Schlafapnoe, CMD). Auf diese Weise könnten zum Beispiel Kieferorthopädie, Schlaf-, und Sportmedizin interdisziplinär forschen und therapieren, ohne durch künstliche Abteilungsgrenzen behindert zu werden. Für die Versorgung wären selbstverständlich weiterhin spezifische, therapeutisch ausgerichtete Funktionsbereiche notwendig.

Bedenken wurden geäußert, dass eine Neustrukturierung oder Integration in die übrige Medizin zu weniger Lehrstühlen und damit Ressourcen auch für die Forschung führen könnten [2]. Dies ließe sich durch gute Planung verhindern, bei vorausschauender Umstrukturierung im Sinne des Wissenschaftsrates könnte die orale Medizin gegenüber dem Status Quo sogar profitieren.

Fazit: Die aktuelle oralmedizinische ­Fächerstruktur wird einer modernen, ­wissenschaftlich basierten medizinischen Teildisziplin nicht mehr gerecht. Sie behindert wahrscheinlich Forschung und Lehre und erschwert Patienten den Zugang zu erfolgreicher Prävention und Therapie [3]. Das gilt keineswegs nur für die „Zahnerhaltung“ als Konzept aus dem vergangenen Jahrhundert. Eine neue Fächerstruktur sollte im Sinne einer modernen ­Medizin an ätiologischen Erkenntnissen ausgerichtet sein – mit klar präventiver Zielrichtung.

[1] Wissenschaftsrat, 2005.
[2] Stark H. Dtsch Zahnärztl Z 2020;75(3):129-0.
[3] Saxen MA, et al.: JADA. 2019;150(3):193-9.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan H. Koch ist approbierter Zahnarzt mit mehreren Jahren Berufserfahrung in Praxis und Hochschule. Seit dem Jahr 2000 ist er als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Falldarstellungen, Veranstaltungsberichte und Pressetexte, für Dentalindustrie, Medien und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die dzw und ihre Fachmagazine, unter anderem die Kolumne Oralmedizin kompakt.

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