Oralmedizin kompakt – Kurz-Empfehlungen: Weltweit erste S3-Leitlinie zur Endodontie (Teil 2)
Für die primäre Diagnose und Therapie einer apikalen Parodontitis gelten – auf Basis der im Januar 2023 verfügbaren Studiendaten – die unten gelisteten Empfehlungen der European Society of Endodontology (ESE, Details siehe Kasten) [1].
Diagnostik (R1.2) [2]
1. Periapikale Aufnahmen sind das radiologische Standardverfahren, mit guter Aussagekraft für die Beurteilung ungefüllter und gefüllter Kanäle.
2. Ist die Diagnose unklar, kann als zusätzliche bildgebende Maßnahme Digitale Volumen-Tomografie (DVT) indiziert sein; Füllmaterial im Wurzelkanal reduziert in DVT-Aufnahmen die Aussagekraft.
Von Patienten berichtete oder klinisch festgestellte Symptome erlauben keine sichere Diagnose periapikaler Entzündung.
Für histopathologische Auswertungen werden aus ethischen Gründen ausschließlich Kadaverstudien genutzt. Die daraus ermittelte diagnostische Genauigkeit lässt sich nur bedingt auf Praxisbedingungen übertragen [2].
Therapie – unvollständiges Wurzelwachstum (R3.1-R3.2) [3]
1. Bei Zähnen mit Pulpanekrose mit oder ohne apikale Parodontitis eignen sich
- die apikale Verschlusstechnik mit hydraulischem Kalziumsilikatzement oder
- Revitalisierungstechniken mit periapikaler Einblutung oder Nutzung von Stammzellen.
Zu Tissue-Engineering-Methoden für die Apexifikation ist noch weitere Forschung notwendig.
Therapie – reife Zähne (R3.3-R3.7, R4.1-R4.3) [4-6]
- Der Wurzelkanal wird mit maschinellen Systemen und Nickel-Titan-Feilen aufbereitet.
- Bei Verwendung empfohlener Methoden (siehe auch „hygienische Empfehlungen“) wird der asymptomatische Zahn in einer Sitzung behandelt (ohne Kalziumhydroxid-Einlage).
- Als Spülprotokoll für asymptomatische Zähne eignet sich NaOCl (1-5,25%), gefolgt von EDTA und abschließend NaOCl; die Spülung erfolgt chemomechanisch mit Spritzen und ohne spezielle physikalische Aktivierungsmethoden.
- Die Füllung des Wurzelkanals erfolgt mit Guttapercha und Sealer, unter Verwendung kalter lateraler oder warmer vertikaler Kondensation, mit Einstift-Technik oder Obturatoren
- Sind nicht-chirurgische Wurzelkanalbehandlung oder Revisionen nicht praktikabel, können Wurzelspitzenresektionen erfolgen.
- Wurzelamputationen oder Replantationen werden als Alternativen zu nicht-chirurgischen Wurzelkanalbehandlungen oder Wurzelspitzenresektionen nicht oder nur in Ausnahmefällen empfohlen.
Zu Punkt 1 liegt nur schwache Evidenz vor und 18 Prozent der Arbeitsgruppe enthielt sich bei der Konsens-Abstimmung aufgrund von Interessenkonflikten.
Zum Thema Spülprotokolle und unterstützende Desinfektionsverfahren (Punkt 3) gibt es ebenfalls nur schwache Evidenz. Das negative Votum für unterstützende Verfahren berücksichtigt auch die Kosten als Faktor für den Patientennutzen.
Hygiene
Nicht-chirurgische Wurzelkanalbehandlungen sollten streng antiseptisch unter Kofferdam und mit gutem Licht und vergrößernden Sehhilfen erfolgen [7].
Jan H. Koch, Freising
Hinweis: Beiträge in der Rubrik Oralmedizin kompakt sollen – auf der Basis neuer Erkenntnisse – die eigenverantwortliche klinische Entscheidungsfindung unterstützen. Bei redaktioneller Wiedergabe von Empfehlungen wird auf den Originaltext als allein gültige Referenz verwiesen.
In Teil 1 geht es Kurzempfehlungen zu Diagnose und Therapie von Pulpitis
Konzept und Methodik
Die European Society of Endodontology (ESE) hat in vier Arbeitsgruppen Empfehlungen für die Diagnose und Therapie von Pulpitis und apikaler Parodontitis entwickelt, einschließlich chirurgischer Wurzelkanalbehandlung und Tissue-Engineering. Der englischsprachige Volltext der Leitlinie und dafür genutzte systematische Übersichten sind frei zugänglich.
Die Empfehlungen sind nur zum Teil durch aussagekräftige Studien abgesichert. Sie wurden aber in breitem Konsens formuliert, mit allein 42 Experten aus der Endodontie sowie aus weiteren Fachgebieten und mit Patientenvertretern.
Die Leitlinie wurde nach den strengen Vorgaben der deutschen Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) entwickelt. Die DGZMK hat – analog zu den S3-Leitlinien der European Federation of Periodontology (EFP) – eine an deutsche Verhältnisse angepasste Version angemeldet (Publikation geplant für Ende 2026).
Literatur
[1] Duncan HF, et al. Int Endod J. 2023;56 Suppl 3:238-95. Epub 20230929. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/iej.13974
[2] Hilmi A, et al. Int Endod J. 2023;56 Suppl 3:326-39. Epub 20230504. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/iej.13921
[3] Meschi N, et al. International Endodontic Journal. 2023;56(S3):510-32. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/iej.13778
[4] Bürklein S, Arias A. International Endodontic Journal. 2023;56(S3):395-421. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/iej.13782
[5] Rossi-Fedele G, Rödig T. International Endodontic Journal. 2023;56(S3):422-35. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/iej.13777
[6] Pirani C, Camilleri J. International Endodontic Journal. 2023;56(S3):436-54. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/iej.13787
[7] European Society of Endodontology, et al. Int Endod J. 2019;52(7):923-34. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/iej.13080
Titelbild: Microgen – stock.adobe.com
Dr. Jan H. Koch
Dr. med. dent. Jan H. Koch ist approbierter Zahnarzt mit mehreren Jahren Berufserfahrung in Praxis und Hochschule. Seit dem Jahr 2000 ist er als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Falldarstellungen, Veranstaltungsberichte und Pressetexte, für Dentalindustrie, Medien und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die dzw und ihre Fachmagazine, unter anderem die Kolumne Oralmedizin kompakt.